Zum Saisonende: Das Drama „Die schöne Fremde" handelt von Fremdenfeindlichkeit

Könige der Dumpfbackigkeit am Deutschen Theater in Göttingen

Stammtisch-Vorurteile mit der Bierflasche in der Hand: Angelika Fornell (als Frau Mielke, von links), Gerd Zinck (Cristian Maul), Nadine Nollau (Rosel Maul), Paul Wenning (Ulrich Maul) und Andreas Jeßing (Lutter). Fotos: Nickel

Göttingen. In bierumnebelter Stumpfheit wird die Welt schön übersichtlich. Polacken, Nutten, der feine Herr Stadtrat – die Feinde sind schnell ausgemacht.

Mit der Pulle in der Hand gehen auch die Alltagsdemütigungen für die eigene Frau leicht von den Lippen, hässlich sei sie, ekelhaft, habe keine „Erottick“. Klaus Pohls Rassismus-Panoptikum „Die schöne Fremde“ spielt in den ausländer- und frauenfeindlichen Gefilden der deutschen Provinz, an der Theke einer Kleinstadtwirtschaft, wo man sich in prolliger Selbstgefälligkeit versammelt, um zu „saufen, bis Blut kommt“.

Am Samstag wurde die Premiere in der Regie von Elias Perrig am Deutschen Theater in Göttingen im nicht ausverkauften Haus freundlich beklatscht. Als ein Fremder (Benjamin Kempf) nur eben sein Auto ungünstig parkt, ist der soziale Zusammenriss bereits so geschwächt, dass Schlägertyp Lutter (Andreas Jeßing) im Auftrag der großsprecherischen Thekenbrüder Cristian (Gerd Zinck) und Ulrich Maul (Paul Wenning) das Problem mit der Axt beseitigt.

Den Totschlag bekommt nun aber eine Fremde (Felicitas Madl) mit, die im Ort übernachten muss. Wie daraufhin die Herrschaften – inklusive Wirtin Frau Mielke (Angelika Fornell) – mit Vorurteilen bei der Hand sind, sie für eine Prostituierte halten, sie sexuell nötigen und wegschaffen wollen, wie sie sich geschockt einen Anwalt (Florian Eppinger) nimmt, der aber dann doch zu den Stumpfmeistern hält, erzählt das 1991 veröffentlichte Stück geradlinig, recht grob gezeichnet und ohne jede Entwicklung.

Sicherlich hat „Die schöne Fremde“ angesichts von ausländerfeindlichen Übergriffen und dem Salonfähigwerden von ethisch jenseitigen und gesellschaftlich spalterischen „Man wird das doch noch sagen dürfen ...“-Parolen neue Aktualität gewonnen. Das gibt der recht oberflächlich bleibenden Textvorlage aber nicht mehr Analysekraft.

In Göttingen spielen die Altstars des Ensembles den fiesen Gewalt- und Sexual-Taumel routiniert runter. Felicitas Madl bleibt als Fremde, die später heftige Rache übt, blass. Am beeindruckendsten ist noch Nadine Nollau als gedemütigte Ehefrau von Cristian, die ihr Schicksal dauerbetrunken erträgt. Mit wenig Text und einer leise schwankenden geknickten Körperhaltung erzeugt sie eine Aura von Verlorenheit.

Anfangs zuckt man noch zusammen bei all den Fick- und Überfremdungssprüchen. Das nutzt sich aber schnell ab. Größte Kritikpunkte an Textgrundlage und Inszenierung sind fehlende Subtilität und Verortung. Es wird nicht kräftig aktualisiert, was durchaus möglich gewesen wäre, sondern bleibt auch von den Kulissen her in einer wohl ironisch gemeinten Trashästhetik mit Wählscheibentelefon und Kellnerinnensandalen stecken (Bühne: Beate Faßnacht, Kostüme: Sara Kittelmann).

Plus, und das ist noch gravierender, es gelingt in der groben Überzeichnung eben nicht, das bildungsbürgerliche Theaterpublikum bei seinen eigenen ideologischen Unsauberkeiten, bei seinen vielleicht tief verborgenen Vorurteilen zu packen. Wie es etwa dem Kabarettisten Gerhard Polt mit seinen harmlos-bräsig daherkommenden Figurenporträts fulminant gelingt. Seine Typen wirken erst völlig alltäglich, ihre vermeintlich harmlosen Weltanschauungen steigern sich dann aber derart subtil ins Üble, dass man bis ins Mark erschrickt – und zwar über sich selbst.

Wieder am 10., 21.6., Kartentelefon: 0551-496911.

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