Triumphaler Auftritt von Helen Schneider bei den Bad Hersfelder Festspielen im Musical „Sunset Boulevard“

Königin einer versunkenen Welt

Fröhlicher Moment: Das Ensemble vor dem Schriftzug der „Paramount“-Filmstudios in der Stiftsruine. Foto:  konopka

BAd Hersfeld. Schon wenn Helen Schneider die Hände wie eine Schlangenbeschwörerin bewegt und die Ärmel ihres Mantels dramatisch flattern lässt, ist sie durch und durch Diva. Und wenn sie anfängt zu singen, betört sie mit ihrer großartigen Stimme. Tief, warm, ausdrucksstark. Eine charismatische Norma Desmond ist die 58-Jährige, und der Jubel, der nach der Musicalpremiere „Sunset Boulevard“ in Bad Hersfeld in der voll besetzten Stiftsruine losbrach, galt vor allem ihr.

Norma Desmond ist eine alternde Stummfilmkönigin, die im Hollywood der 50er nicht wahrhaben will, dass ihre Zeit vorbei ist. Als der erfolglose Autor Joe Gillis (Rasmus Borkowski) bei ihr strandet, bindet sie ihn mit Geld an sich und macht ihn zu ihrem Liebhaber, woran seine eigene Liebe, sein Leben zerbrechen. Beides sind tragische Figuren in dem Stück von Andrew Lloyd Webber nach der Filmvorlage von Billy Wilder. Regisseur Gil Mehmert schneidet in Hersfeld seine Festspiel-Inszenierung ganz auf diese intime Konstellation zu. Das ist ein Wagnis in der riesigen Stiftsruine, doch der starken Bühnenpräsenz der Hauptdarsteller gelingt es, die private Tragik so groß werden zu lassen, dass sie den Raum füllt.

„Ich bin groß, es sind die Filme, die klein geworden sind“, sagt Norma und formt mit den Händen pathetisch einen Rahmen fürs Gesicht. Grandios, wie Helen Schneider die viel zu pompösen Gesten der Diva mit einer leisen Ironie zelebriert, ohne die Figur jedoch lächerlich zu machen. Selbst wenn Norma leidend auf die Treppe sinkt, drapiert sie sich vorteilhaft. Ihrer Sprechstimme gibt Helen Schneider eine raue Heiserkeit mit - da wird die tragische Diva ganz sinnlich. Und verabschiedet sich schließlich triumphal in den Wahnsinn.

Das Ensemble sorgt für bunte Szenen auf dem schräg gestellten Bühnenpodest, das Filmset, Bar oder eine Silvesterfeier sein kann. Für Momente wird es komödiantisch, wenn die Schuhverkäufer tanzend den abgehalfterten Joe neu einkleiden („Die Rechnung zahlt die Dame“) oder der betagte Rolls-Royce der Lady aus Einzelteilen hereingetragen und vor Ort sozusagen mit einem menschlichen Motor zusammengebaut wird (Choreografie: Melissa King).

Unser Leben setzt sich eben überall aus Illusionen zusammen. Der weitgehende Verzicht auf Requisiten (Bühne: Heike Meixner) verstärkt diesen Regiegedanken. Trotzdem hätte man sich mehr glamouröse Tanzszenen des Ensembles gewünscht.

Christoph Wohlleben bringt als musikalischer Leiter mit seinem Orchester in viele Titel Glanz und Power hinein. Zu den musikalischen Höhepunkten gehören „Sunset Boulevard“, dem Rasmus Borkowski als Joe Gillis unter der geschmeidigen Melodie viel unterschwellige Verzweiflung mitgibt. Helmut Baumann setzt als Diener Max ein Glanzlicht mit seinem Titel „Kein Star wird jemals größer sein“ - die Präzision und Klarheit seiner Darbietung bewegen. Wietske van Tongeren ist eine frische, zupackende Betty, Joes heimliche Liebe. Fröhlich: ihr Duett „Sie trifft ihn“.

Berührend ist „Als hätten wir uns nie goodbye gesagt“, als Norma ins Filmstudio zurückkehrt. Schneiders dunkle Stimmkraft wird hier zart und weich, ihre Figur ist von einer Wolke aus Einsamkeit umgeben, während das vielköpfige Filmteam sich wie in Zeitlupe um sie bewegt.

Zahlreiche Termine bis 6.8., Karten: 06621-400755.

Von Bettina Fraschke

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