Königsplatz sehen und sterben: Tanzstück in Kassels Innenstadt

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Scheinbar spontane Aktion auf dem Königsplatz: Jeremy Jay und Mareike Steffens vom Tanzkollektiv „Labyrinthos“.

KASSEL. Einladung zum Allerletzten: Thorsten Teubl, Tanzdramaturg am Staatstheater, sein Partner Matthieu Götz (Bühnenbildner) und das freie Tanzkollektiv „Labyrinthos“ haben mit „logos:orfeo“ einen Tanztheaterzyklus geschaffen, dessen beide ersten Akte am Samstag aufgeführt wurden.

Ein weiterer folgt im September. Themen sind der Tod und die Angst davor.

Eine Performance auf dem Königsplatz: Unangekündigt lösen sich gegen 17.30 Uhr schwarz gekleidete Menschen stumm aus den Rändern und beginnen mit einem meditativen Abschreiten des Runds, treffen sich zu Kontaktimprovisationen, einer rennt zwischen den Gullydeckeln umher und liebkost sie. Ein Breakdancer unter den Zuschauern steigt spontan ein. Eine Stunde später findet man zur Hebefigur zusammen.

Plötzlich ist der Spuk vorbei, man zerstreut sich unter Applaus. Kritische Stimmen mischen sich darunter: Manche äußern Unverständnis, zweifeln am künstlerischen Wert, wünschen eine Erklärung. Teubl sagt: „Eine langsame Verwandlung. Wir laufen in Sonnenrichtung, setzen uns der Eigendynamik des Ortes entgegen. Wir befrieden ihn choreografisch und verwischen die Grenze zwischen Performer und Besucher.“

Zwei Stunden später im Museum für Sepulkralkultur vor 90 Gästen der theatralische Teil des Abends: Die Geschichte von Orpheus und Eurydike, tänzerisch-musikalisch umgesetzt und über zwei Ebenen des Hauses (Oberwelt, Unterwelt) ausgespielt. Drunten herrschen raue Sitten, man kreuzigt sich (dazu Schläge mit Holz auf Cellosaiten), wer entkommen will, den hält man fest und klatscht ihn gegen die Wand. Wasser wird aus Eimern verspritzt (als Symbol der Geburt, es soll auf schwarzen Schieferplatten auch wie Blut wirken), man windet sich und rutscht darin aus. Begeisterter Applaus.

Von Lennart Martens

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