Warum die tolle österreichische Band nur fast weltberühmt wurde

Fast weltberühmt: Das neue Album von Naked Lunch

Hinterm Horizont geht es für Naked Lunch immer weiter: Alex Jezdinsky (von links), Herwig Zamernik, Oliver Welter und Stefan Deisenberger irgendwo in ihrer Heimat Kärnten. Foto: Pertramer

Ende der 90er war Oliver Welter mit seiner Band Naked Lunch erst ganz oben und dann ganz unten. Die Österreicher galten als europäische Antwort auf Grunge-Bands wie Nirvana.

Eine große US-Plattenfirma schickte sie mal eben zum sündteuren Videodreh nach Brasilien. Einmal soffen Sänger Welter und Bassist Herwig Zamernik im Flugzeug hoch oben über dem Atlantik und mussten nach der Landung in London eine Nacht in einer Zelle verbringen.

Als ein Album floppte, standen sie plötzlich ohne Plattenvertrag da. Welter lebte zwischenzeitlich auf der Straße, und ein Gründungsmitglied trank sich zu Tode. 22 Jahre nach der Gründung gibt es die Band aus Klagenfurt immer noch. Ihr neues Album „All Is Fever“ ist beim Hamburger Label Tapete erschienen – ihre letzte Plattenfirma ging Pleite.

Naked Lunch haben mehr Tiefen durchgemacht als andere Bands. „Es gab extreme Niederungen“, sagt der 44-jährige Welter unserer Zeitung, „aber wir sind nicht resignativ. Die Platte würde nicht so klingen, wenn wir nicht so viel erlebt hätten. Und außerdem: Wir können auch nichts anderes außer Musik.“

Eigentlich wollte das Quartett ein reduziertes Singer/Songwriter-Album aufnehmen, aber dann hat Welter mit seinen Kollegen festgestellt, „dass Pop uns näher ist“. So gibt es nun große Rock-Sinfonien mit Chören, verspielten Postrock wie im Eröffnungsstück „Keep It Hardcore“ mit Dudelsack-Samples und melancholische Trauersongs. Höhepunkt ist das bewegende Schlussstück „The Funeral“ mit Welters leidender Weltschmerzstimme. Wenn Arcade Fire, Radiohead und Coldplay gemeinsam im Studio wären, würden sie wahrscheinlich wie Naked Lunch klingen. Wieso ist die Band, die sich nach einem Roman von William S. Burroughs benannt hat, nicht schon längst weltberühmt?

Welter fragt sich das nicht mehr. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Klagenfurt, wo er manchmal verzweifelt. Der „gesellschaftspolitische Stumpfsinn“ in der Heimat des ehemaligen Rechtspopulisten Jörg Haider macht ihn fertig. Aber für Familien hat die Stadt am Wörthersee eine „unfassbar hohe Lebensqualität“, sagt er.

Ähnlich wie The Notwist im oberbayerischen Weilheim haben sich Naked Lunch mit befreundeten Künstlern ihr Refugium in der Provinz geschaffen. Manchmal überlegt Welter, ob er sein Leben mit all den Höhen und Tiefen nicht aufschreiben soll. Aber dann fragt er sich, ob ein Buch seines Nachbarn, der Versicherungsvertreter ist, nicht interessanter wäre: „Wir sollten uns nicht zu wichtig nehmen.“ Naked Lunch sind zu sympathisch für große Rockstars.

Naked Lunch: All Is Fever (Tapete).

Wertung: Vier von fünf Sternen

Von Matthias Lohr

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