Pee Wee Ellis mit Band im Theaterstübchen

Er könnte auch bügeln

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Fast 70 Jahre und kein bisschen leise: Pee Wee Ellis überzeugte mit seinem kräftigen, fast jugendlichen Ton.

Kassel. Der afroamerikanische Saxofonist Pee Wee Ellis muss nichts und niemandem mehr etwas beweisen. Wer seit über 40 Jahren mit den Schlachtenformeln der synkopischen Tanzmusik („Shake your ass“) ein hüftschwungbegeistertes Publikum in die erotische Besinnungslosigkeit katapultiert, der könnte auf einer Bühne auch bügeln, und man würde ihn dabei bewundern.

Den wohl spektakulärsten Arbeitsplatz stellte ihm 1965 James Brown in seiner Band zur Verfügung, und als dessen musikalischer Leiter verewigte er sich in den Annalen der besten Bläsersektionen, die man je in der Soulmusik gehört hat. Dass Pee Wee Ellis sich zu einem Clubkonzert im Theaterstübchen überreden ließ, verdankte man der hartnäckigen Verhandlungskunst von Besitzer Markus Knierim. Und nun stand er da auf der kuschelig-kleinen Bühne, so intim umringt von seinen Mitmusikern wie selten.

Mitgebracht hatte er die stimmgewaltige Bluessängerin Martha High, ein hochkarätig besetztes Quartett und eine Songauswahl, bei der Jazz und Funk sich wie zwei Kumpels an der Bar alte Geschichten erzählten. Pee Wee Ellis überzeugte auch mit seinen fast 70 Jahren noch mit einem kräftigen, jugendlichen Ton. Da wurden die Soli nicht vorsichtig eingeparkt, sondern offensiv in den brillant abgemischten Bandsound gestanzt.

Die gemächlichen Ansagen, der schleichende Gang, die selbstzufriedene Mimik: Beim Einzählen verwandelte sich seine Coolness in Aktivität, und dann mündete die Teegemütlichkeit im Partyrausch. Gareth Williams (US 3) am E-Piano schaffte es sogar, in Sachen Tempo und Energie noch kräftiger zuzulangen, und Gitarrist Tony Remy (Steps Ahead, Simply Red) bestach mit einem grenzenlosen Repertoire an Spielmöglichkeiten.

Knackige Slapeinlagen und atmende Präzision entlockte der englische Bassist Laurence Cottle (Eric Clapton, Seal, Alan Parsons Project) seinen fünf Saiten, und der deutsche Schlagzeuger Guido May (Till Brönner) schob mit viel Gespür fürs Wesentliche die Beats in einen aktuellen Klangraum.

Selbst DJ Mr. Brown, der nach mehreren Zugaben und großem Schlussapplaus die Konservendisco anrollen ließ, stand die Begeisterung ins Gesicht geschrieben. Auf vielen seiner alten Raritäten-CDs, mit denen er jetzt den vollbesetzten Club aufkochen wollte, ist Pee Wee Ellis zu hören.

Von Andreas Köthe

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