Ein Komet, der zu früh verglühte

Hanna Schygulla Foto: Schachtschneider

Kassel. Mit stürmischem Applaus wurde Hanna Schygulla für ihren Fassbinder-Abend im Schauspielhaus in Kassel gefeiert. Die Schauspielerin rezitierte, erzählte, sang - und malte.

Kassel. „Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, ist nicht tot. Tot ist nur, wer vergessen wird.“ Das Kant-Zitat steht über mancher Todesanzeige. Hanna Schygulla gelang es Samstagabend im Kasseler Schauspielhaus, Rainer Werner Fassbinder zu vergegenwärtigen, den Zuschauern den produktivsten Filmemacher der Nachkriegszeit nahzubringen. Nur an den Rändern waren Plätze frei.

Die 71-Jährige zeichnete Fassbinders Kindheit und Jugend nach: „Scheidungsbrimborium“ der Eltern, Aufsässigkeit des Schulabbrechers, Hemmungslosigkeit des fast ungesund Frühreifen („wie das Abendrot in der Morgenröte“), Wut des Bürgerschrecks.

Grundlage war der Gedichtzyklus „Im Land des Apfelbaums“, den der 17-Jährige seiner Mutter zu Weihnachten schenkte: „ein nie erreichtes Land“, wohlig ruhen konnte man unter diesem Baum der Erkenntnis nicht.

Pianist Stephan Kanyar hat die Verse vertont, er begleitete Schygulla am Klavier. Ein paar Mal musste er ihr beim Text einhelfen. Trotzdem: Welche Ausstrahlung brachte die Hauptdarstellerin so vieler Fassbinder-Filme auf die Bühne!

Fast weihevoll wirkte es, wie Schygulla mit Fingerfarben die Konturen eines auf die Bühne projizierten Fassbinder-Jugendbildes nachzog. Aber vergolden, weichzeichnen wollte sie den „schnell verglühenden Kometen“ nicht, der an ihrem Leben „entlanggeschürft“ ist und es auch aus der Bahn geworfen hat. Gewalt, Rausch, Ekstase, Hörigkeit kamen zur Sprache.

Schygulla erweiterte die biografische Rückschau zum Generationenporträt, als sie die Slogans der 68er zitierte, von den „Gewitterwolken des Protests“ sprach, aus denen gleißend neues Licht brechen sollte, und ein Medley sang: „I can’t get no satisfaction“, „Imagine“, „Born to be wild“, „Me and Bobby McGhee“. „Ja, so war das“, rief jemand im Publikum. Und ja, so wie Schygulla könnte Janis Joplin, die heute 72 wäre, womöglich noch singen. Stürmischer Szenenapplaus belohnte sie – wie nach der letzten Zugabe „Lilli Marleen“.

Das Porträt wurde nach dem Schlussjubel für 575 Euro zugunsten der Caritas-Flüchtlingshilfe versteigert. „Ich selbst war ein Flüchtlingskind“, sagte die im schlesischen Königshütte geborene Schygulla: „Ich weiß, wie gut jede Geste der Zuwendung tut.“

Von Mark-Christian von Busse

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.