Komik-Kolloquium: Dichter im Wettstreit

Franzobel

Kassel. Mit Franzobel, Ulrich Holbein und Wolfram Lotz traten am Mittwoch im Kunsttempel drei Träger des Literaturpreises für grotesken Humor auf. Die 60 Zuschauer konnten also beim Kasseler Komik-Kolloquium und in der Reihe „3 durch 3“ wie durch ein Brennglas einen Blick auf Varianten komischer Poesie werfen.

Lotz, aktueller Förderpreisträger aus Leipzig, gab Kostproben aus dem Reich der Kurz- und Allerkürzestprosa. Etwa so: „Thomas Kirchner sprang vor Verzweiflung aus dem Fenster im 4. Stock. Aber wer ist Thomas Kirchner?“ Oder Prosaskizzen zu Engelserscheinungen in Amerika. Wo andere Hunderte Seiten aufs Papier bringen, verdichtet Lotz auf einen oder wenige Sätze. Der Witz liegt in der Diskrepanz von klassischem Reportagestil und Absurdität der Ereignisse.

Franzobel aus Wien, 1998 als Jüngster mit dem Preis ausgezeichnet, las aus „Was die Männer so treiben, wenn die Frauen im Badezimmer sind“. Im dicken Roman voll grotesk-barocker Ausschweifungen will Hildebrand Kilgus das Stöhnen der Frauen beim Orgasmus ergründen. Da er bei Frauen nicht ankommt, gibt er sich als Schwuler aus und wird Hebamme. So kann er das Stöhnen beim Gebären aufzeichnen und an seiner „Stöhn-Enzyklopädie“ arbeiten. Leider fliegt sein Tun auf, er wird Puffvater und Sterbebegleiter.

Ein Beispiel augenzwinkernd fröhlicher Wissenschaft gab der im Knüll und Bamberg lebende Ulrich Holbein. In einem Lichtbildervortrag nahm er sich des Dichters Jean Paul an, dessen 250. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird. Er fand verblüffende Parallelen zu Goethe vor allem im Aussehen der Dioskuren, was er mit Kollagen unterfütterte. Ansonsten sei der Franke dem Weimarer haushoch überlegen, was sich nicht nur im ausgeprägteren Wortschatz, sondern auch in viel mehr Druckseiten widerspiegele. Zu Holbeins Bedauern blieb aber der „dicke Brocken Goethe“ in Erinnerung.

Freitag: 16 Uhr, Caricatura, Podium „Hat Gott Humor?“, 20 Uhr, Schlachthof, Lange Lese-nacht. Samstag, 20 Uhr, Caricatura, Eckhard Henscheid. www.komik-kolloquium Foto: Gebhardt

Von Andreas Gebhardt

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