Am Deutschen Theater Göttingen inszeniert Michael Kessler den Hitchcock-Klassiker „Die 39 Stufen“

Filmklassiker auf der Bühne: "Die 39 Stufen" im Deutschen Theater 

Vier grandiose Schauspieler in Aktion: (von links) Ronny Thalmeyer (Mann 1), Nikolaus Kühn (Hannay), Andreas Jeßing (Mann 2) und Andrea Strube (Frau). Foto: Thomas Müller

Göttingen.  Der Filmklassiker „Die 39 Stufen“ von John Buchan und Alfred Hitchcock wandelt sich im Deutschen Theater Göttingen zu einer Tour de force für vier Schauspieler.

Anschnallen, festhalten, tief Luft holen ... Das Theaterkarussell dreht sich: Eineinhalb Stunden Hochgeschwindigkeits-Theater mit einem ehrbaren Helden, miesen Agenten und dumpfen Highlandern verwandeln die ursprünglich melodramatische Agentenstory aus den Zwanzigerjahren in der Bühnen-Bearbeitung von Patrick Barlow in eine Slapstick-Komödie mit ironischen Brechungen.

Ja, geh mal wieder ins Theater. Richard Hannay langweilt sich, geht zur West-End-Show mit dem Gedächtnisgenie Mr. Memory und landet kopfüber in einer atemberaubenden Verfolgungsgeschichte. Von der Polizei als Mörder gesucht, von dem Spionagering „39 Stufen“ gejagt, flüchtet er durch das Vereinigte Königreich bis hoch in die schottischen Highlands, läuft über fahrende Züge, duckt sich unter angreifenden Doppeldeckern, rettet sich durch Wälder und Moore und landet schließlich zum Showdown im Londoner Palladium.

Agenten, Verfolgungsjagden, Schüsse

Eigentlich ist bei dem smarten Angelsachsen mit den Knickerbockerhosen alles wie bei Humphrey Bogart oder Philip Marlowe: Agenten, Verfolgungsjagden, Schüsse und schöne Frauen. Wer denkt da noch an Langeweile, und die vier Schauspieler, die auf der fast leeren Göttinger Bühne herumjagen und die nur wenigen Requisiten (Ausstattung: Ulrich Frommhold) selbst heranschieben, betreiben ihr Spiel so lustvoll mit dem Hang zur Comedy und zum slapstickhaften Körpereinsatz, das das Publikum zur Premiere im ausverkauften Deutschen Theater aus dem Lachen nicht herauskommt.

Drei Männer und eine Frau in Dutzenden von Rollen, fliegender Wechsel zwischen Türen und mobilen Allzweck-Kästen, urkomische Szenen, zuweilen in Endlos-Schleife wiederholt. Wenn Ronny Thalmeyer und Andreas Jeßing in einer 180-Grad-Körperdrehung rasant Kopfbedeckung, Mimik und Stimme ändern, zugleich den Bahnhofsvorsteher, den Polizisten und den Zeitungsmann geben, wenn die hinreißende Andrea Strube in allen Frauenrollen, mal schwarz, mal blond, mal rothaarig und Nikolaus Kühn als der coole Hannay mit der lässigen Pose so herrlich Männer- und Frauenklischees der Zwanzigerjahre bedienen, verbinden sich hohes Spieltempo und perfektes Timing mit kluger Ironie und rasanter Komik.

Seinen besonderen Witz bezieht diese Agenten-Persiflage, die von Michael Kessler, bekannt aus TV-Comedy-Sendungen wie „Switch“, inszeniert wird, aus dem schlüssigen Regiekonzept, das Medium Theater kräftig auf die Schippe zu nehmen und gleichzeitig mit einer Unmenge intelligenter Zitate aus Agentenfilmen, 20er-Jahre-Revuen und bester Comedy zu jonglieren.

Das kann Bühne doch alles auch! Ohne Filmschnitt und Cut, ohne aufwendige Technik. Weniger ist mehr. Vier bravourös aufspielende Schauspieler bewiesen eindrucksvoll die Überlebensfähigkeit des Theaters. Stürmischer Applaus.

Die nächsten Vorstellungen: 21., 26. und 30. Dezember. Karten: Tel. 0551 / 49 69-11

Von Juliane Sattler

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