Kommentar zum Grand-Prix-Eklat: Nur Verlierer beim Song Contest

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Andreas Kümmert (rechts) verlässt die Bühne in Hannover. Gerade hat er das Ticket nach Wien zum ESC ausgeschlagen. Für ihn tritt nun Ann Sophie an.

Der Gewinner des deutschen Vorentscheids zum Eurovision Song Contest verzichtet auf die Teilnahme beim Grand Prix: So etwas gab es noch nie. Der Abend in Hannover kannte nur Verlierer und hat doch etwas Gutes, meint Matthias Lohr.

Die ARD wird Andreas Kümmert noch dankbar sein müssen. Ohne den Eklat des Siegers beim deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest (ESC) hätte jeder die ansonsten wurstig-belanglose Veranstaltung schon am nächsten Morgen wieder vergessen. So aber reden alle darüber, wie es sein kann, dass jemand erst im Moment des Triumphs einfällt, dass er gar nicht gewinnen will.“Ich bin nicht in der Verfassung, diese Wahl anzunehmen, ich gebe meinen Titel an Ann Sophie”, sagte der 28-jährige Unterfranke, der 2013 bereits die Castingshow “The Voice of Germany” gewonnen hatte und eigentlich wissen müsste, wie es ist, im Rampenlicht zu stehen. So etwas hat es in der 60 Jahre langen Geschichte des Wettbewerbs noch nicht gegeben.

So gab es an dem Abend in Hannover keinen echten Sieger, dafür nur Verlierer. Kümmert, der angeblich kurz vor seinem Auftritt noch 40 Grad Fieber hatte, wird sich fragen lassen müssen, wieso er nicht schon nach der ersten von drei Runden merkte, dass er als bärtiger Nerd nicht so richtig zum schrillen Grand-Prix-Zirkus passt. Selbst die Manager seiner Plattenfirma fielen aus allen Wolken. Newcomerin Ann Sophie, die sich die Teilnahme beim Vorentscheid erst Mitte Februar mit einem Sieg beim Clubkonzert gesichert hatte, wird nun mit dem Makel leben müssen, nur zweite Wahl zu sein.

Die anderen sechs Starter werden sich ärgern, weil ihnen Kümmert die Chance nahm, im Finale zu stehen. Die Zuschauer, die per Anruf und SMS für Kümmert stimmten, hätten ihr Geld auch für etwas Sinnvolles ausgeben können. Und Moderatorin Barbara Schöneberger, die bis zum Finalmoment wie immer mit Witz durch den Abend geführt hatte, versuchte Kümmert nicht einmal ansatzweise umzustimmen - als sei der größte Musikwettbewerb der Welt ein Kindergeburtstag und Kümmert der Sieger beim Topfschlagen, der auf die Schokolade als Gewinn verzichtet, weil sie ihm nicht gut tut.

Wäre der Song Contest ein Fußballspiel, müsste der Vorentscheid wegen irregulärer Bedingungen wiederholt werden. Aber will man sich die acht Kandidaten mit ihren allesamt wenig überzeugenden Beiträgen als Zuschauer wirklich noch einmal antun? Egal wer es nach Wien geschafft hätte, im Finale am 23. Mai wäre es für jeden schon ein Erfolg gewesen, nicht Letzter zu werden. Nach dem Ausstieg von Lena-Entdecker Stefan Raab hat der Norddeutsche Rundfunk bei der Talentsuche kein glückliches Händchen bewiesen. Zuletzt fuhren Cascada (21.) und Elaiza (18.) ernüchternde Ergebnisse ein. Arrivierte Künstler wagen sich nicht mehr aufs ESC-Parkett, weil man als Star dort nur schlecht aussehen kann. Wenn es etwas Gutes an der Entscheidung von Andreas Kümmert gibt, dann ist es die Erkenntnis: So wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen. Ohne grundlegende Änderungen beim Vorentscheid wird man spätestens nächstes Jahr als Zuschauer sagen müssen: “Wir sind nicht in der Verfassung, diese Veranstaltung anzunehmen.”

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