Studie der TU Dortmund

Kommissare gegen das Gesetz: Rechtsbrüche der „Tatort“-Ermittler

Mit der Panzerfaust gegen Verbrecher: Til Schweiger spielt in der Hamburger „Tatort“-Folge „Fegefeuer“ (2016) Ermittler Nick Tschiller. Der Dortmunder Forscher Gostomzyk ist sich sicher, dass Tschiller die meisten Gesetzesverstöße begehen dürfte, obwohl keine der Folgen Teil der Studie war.
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Mit der Panzerfaust gegen Verbrecher: Til Schweiger spielt in der Hamburger „Tatort“-Folge „Fegefeuer“ (2016) Ermittler Nick Tschiller. Der Dortmunder Forscher Gostomzyk ist sich sicher, dass Tschiller die meisten Gesetzesverstöße begehen dürfte, obwohl keine der Folgen Teil der Studie war.

Sie jagen Mörder und Erpresser, spüren Räuber und Triebtäter auf – die Ermittler im „Tatort“. Dabei verstoßen sie regelmäßig gegen geltendes Recht. Ein Strafrechtler erklärt uns, was Ermittlern im wahren Leben nach Verfahrensverstößen droht.

Keine Filmreihe scheint das deutsche Fernsehpublikum mehr zu packen als der „Tatort“. Seit mehr als 40 Jahren schon ermitteln die Kommissare des ARD-Krimis, sind zu den sonntäglichen Helden der Fernsehwelt geworden – obwohl sie ständig gegen das Gesetz verstoßen. Durchschnittlich mindestens drei Mal pro Folge.

Das sagt Tobias Gostomzyk, Professor für Medienrecht an der Technischen Universität Dortmund (TU). In einer Studie haben er und seine Studenten herausgefunden, dass in fast jedem „Tatort“-Ermittler ein Gesetzesbrecher steckt. Vor dem Start der neuen Saison am Sonntag ab 20.15 Uhr im Ersten zeigen wir, warum.

Tobias Gostomyk (42) ist seit 2012 Hochschullehrer am Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund und Dozent an der juristischen Fakultät der Ruhr-Uni Bochum. Zuvor war der Kölner, der in Hamburg und Straßburg Jura und Journalistik studiert hat, als Anwalt für Medien-, Internet- und Telekommunikationsrecht tätig.
Was wollte der Medienrechtler mit seiner Studie herausfinden?

Zwar ist die Handlung eines jeden „Tatorts“ fiktiv, trotzdem vermittelt die Krimireihe ihren Zuschauern Einblicke in die Arbeit von Polizei und Justiz. Tobias Gostomzyk hat sich deshalb gefragt, welches Bild von Recht und Justiz der „Tatort“ seinen Zuschauern vermittelt und ob es mit der Rechtspraxis übereinstimmt. Für die Studie haben er, seine Kollegin Julia Lönnendonker, vier Journalistik-Studenten der TU Dortmund sowie vier Studenten der Rechtswissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum 34 „Tatort“-Folgen aus dem Jahr 2015 analysiert und die Ermittler und deren Rechtsauffassung in den Fokus genommen.

Was lassen sich die Fernseh-Kommissare in den meisten Fällen zuschulden kommen?

Die unzureichende Belehrung von Tatverdächtigen ist der häufigste Rechtsverstoß der „Tatort“-Ermittler. Es folgen verbotene Ermittlungsmethoden auf Platz zwei, etwa unzulässige Observationen oder Telefonüberwachungen. Auf Platz drei landet die unzulässige Durchsuchung. Verkehrsdelikte stehen ebenfalls auf der Liste der Rechtsverstöße, ebenso wie Hausfriedensbrüche. Die Vergehen stellten meist Verfahrensverstöße dar, so Gostomzyk. Die TV-Kriminaler missachten Vorschriften der Strafprozessordnung.

Seit 2015 ein Team: Mark Waschke und Meret Becker als Robert Karow und Nina Rubin im Berliner „Tatort“. Auch die Folge „Das Muli“, ausgestrahlt im März 2015, war Teil der Studie.
Wie oft brechen die „Tatort“-Ermittler das Gesetz?

96 Rechtsverstöße zählten die Forscher in den 34 „Tatort“-Folgen aus 2015. Durchschnittlich knapp dreimal pro Folge brachen die Kriminaler das Gesetz. Es sei wichtig zu beachten, dass die Rechtsverstöße auch Teil des dramaturgischen Verlaufs jeder Folge seien, so der Medienrechtler. Die Filme zeigten nicht nur die bloßen Ermittlungen, sondern gäben auch Einblick in Persönlichkeit und Beziehungen der Kommissare. „So steigern auch die Rechtsverstöße der Ermittler häufig die Spannung. Ein gutes Beispiel dafür ist Kommissar Robert Karow (Mark Waschke, Anm. d. Redaktion) im Berliner ,Tatort’. Seine dunkle, zu Grenzüberschreitungen neigende Seite fasziniert die Zuschauer.“

Warum verstoßen die „Tatort“-Kommissare überhaupt gegen geltendes Recht?

Die Ermittler wollen den Tätern unbedingt auf die Spur kommen – und sind hierfür häufig bereit, Rechtsverstöße zu begehen. Diese helfen bei der Aufklärung der Tat aber häufig nicht: Rund die Hälfte der Rechtsverstöße trägt nicht zum Ermittlungserfolg der Kommissare bei.

Wer ist der größte Halunke unter den TV-Kriminalern?

Zwar war der „Tatort“ aus Hamburg mit Til Schweiger nicht Teil der Studie, da 2015 keinerlei Folgen ausgestrahlt wurden, jedoch ist Tobias Gostomyzk sich sicher, dass in diesem NDR-„Tatort“ die meisten Rechtsverstöße zu finden sein dürften. „Til Schweiger tritt im ‚Tatort’ fast wie Arnold Schwarzenegger zu seinen besten Zeiten auf,“, sagt er. Welche Rechtsverstöße die TV-Kriminaler im Einzelnen begehen, gibt die Studie nicht bekannt. Am gesetzestreuesten dürften allerdings die TV- Ermittler aus München, Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl), sein. Im Untersuchungszeitraum verstießen sie so gut wie nie gegen geltendes Recht.

Kommen die Ermittler mit ihren Vergehen immer ungeschoren davon?

Die Vorgesetzten der Ermittler-Teams sind nicht nur nachsichtig mit den Ermittlern, in den meisten Fällen werden die Rechtverstöße nicht einmal erwähnt, und die Kommissare ermitteln weiter, als sei nichts geschehen. Nur acht Prozent der Gesetzesbrüche wurden 2015 wahrgenommen und sogar sanktioniert.

Das Ergebnis sei ernüchternd, jedoch logisch, so Gostomzyk: „Die Rechtsverstöße sind auch dramaturgisches Element jeder ,Tatort’-Folge, Und würde jeder Rechtsverstoß eines Tatort-Kommissars sanktioniert, müssten diese fortlaufend suspendiert oder sogar ausgetauscht werden.“

Der Rechtsbruch bleibt ohne Folgen

Interview: Ein Strafrechtler erklärt, was Ermittlern im wahren Leben nach Verfahrensverstößen droht

Im Fernsehen kommen sie nach einem Vergehen meist ungeschoren davon, die „Tatort“-Kommissare. Doch was droht Ermittlern im wahren Leben, wenn sie gegen geltendes Recht verstoßen. Knuth Pfeiffer, Strafrechtler aus Kassel, kennt die Antwort.

Knuth Pfeiffer (69) ist Fachanwalt für Strafrecht in Kassel. Im Schwerpunkt verteidigt er in Fällen des Wirtschafts-, Sexual- und Betäubungsmittelstrafrechts. Er ist zudem in der Referendarausbildung tätig und leitete bis Anfang des Jahres den Fachausschuss für Strafrecht der Rechtsanwaltskammer Kassel. Pfeiffer ist verheiratet und hat zwei Söhne.
Herr Pfeiffer, vermittelt der „Tatort“ ein verfälschtes Bild von der Arbeit der Ermittler?

Knuth Pfeiffer: Verstießen die Ermittler wie im „Tatort“ gegen das Verfahrensrecht, könnte die Justiz die Taten im Extremfall nicht aufklären. Sollte sich ein derartiges Verhalten wiederholen, könnte die Polizei in einen schlechten Ruf geraten. Deshalb ist das negative Vorbild, das durch ein unrechtmäßiges Verhalten im Fernsehen vorgelebt wird, auf Dauer fatal. Ein gutes Beispiel dafür sind die Polizeischüler. Einige von ihnen dürften davon ausgehen, dass ein solch illegales Verhalten normal ist, und sind nur schwer auf ein gesetzestreues Verhalten zurückzubringen.

Wenn die Opfer wiederum Krimiserien gucken, erwarten sie umgekehrt ein rigoroses, geradezu brutales Vorgehen der Polizei, um den Täter mit allen Mitteln zu überführen.

Was droht Kriminalermittlern im wahren Leben, wenn sie derlei Verfahrensverstöße begehen?

Pfeiffer: Solche Verfahrensverstöße kommen nur dann ans Licht, wenn ein Richter, Staatsanwalt oder Verteidiger das Fehlverhalten des Polizeibeamten rügt, einen sauberen Prozess fordert. Wenn dem Staatsanwalt der Verstoß im Ermittlungsverfahren auffällt, könnte das zur Einstellung des Verfahrens führen. Dem Ermittler selbst würde in den meisten Fällen jedoch nichts passieren, wenn er keine Straftat begangen hat. Wenn es hoch kommt, hat er am Ende eine Dienstaufsichtsbeschwerde am Hals oder wird von der nächsten Beförderung ausgeschlossen.

Wie können die betroffenen Tatverdächtigen gegen das Fehlverhalten der Beamten vorgehen?

Pfeiffer: Der Tatverdächtige braucht einen erfahrenen Anwalt für Strafrecht an seiner Seite. Im laufenden Verfahren muss dieser Beweisanträge stellen und Widerspruch einlegen gegen die Verwertbarkeit der Erkenntnisse, die durch das illegal erhobene Beweismittel gewonnen wurden. Wenn der Betroffene keinen Anwalt hat, sollte er ein Dienstaufsichtsbeschwerde-Verfahren einleiten und sich an den Polizeipräsidenten wenden.

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