Kommunarde Rainer Langhans flirtet mit den Piraten

Jessica Miriam Zinn

Kassel. Käme es auf das Kritikerurteil von Rainer Langhans an, wäre die documenta 13 ein Reinfall.

Zwei Tage war der Alt-68er in Kassel zu Gast, und als man ihn am Ende seines Besuchs der d13 fragt, welches Kunstwerk ihm besonders gut gefallen habe, überlegt er lang und sagt: „Die Sonne und der schöne Wind vor dem Fridericianum.“ Kunst gebe ihm nichts, weil sie „als Ekstasetechnik nicht so wirksam“ sei.

Der Wuschelkopf hingegen, der am Dienstag 72 geworden ist, bringt die Menschen (und von ihnen vor allem die Frauen) immer noch in Ekstase. Die Besucherinnen der „Klau-mich-Show“ im Ständehaus, deren Stargast der Kommunarde war, lassen sich Autogramme geben und mit dem Star fotografieren.

Den Titel des Theater-, Performance- und TV-Projekts hat sich die spanische Künstlerin Dora García von Langhans und dessen 1967 mit Fritz Teufel geschriebenen Buch „Klau mich“ geborgt. Das Ganze muss man sich vorstellen wie früher eine der schrägen Talkshows mit Christoph Schlingensief.

Moderator Jan Mech lässt die 90 Besucher auf der Bühne zu „Hare Krishna“ aus dem Musical „Hair“ tanzen, das Theater Chaosium gibt Schauspieleinlagen, und dann redet Mech mit Langhans, der Berliner Piratin Jessica Miriam Zinn sowie dem Sprachwissenschaftler Joachim Scharloth über die 68er und was von ihnen übrig blieb.

Langhans sieht mit seinem hellen Leinenanzug, der perfekt zu den grauen Locken passt, immer noch so aus, als käme er direkt aus der Kommune I. Aus seinem Münchner Harem, wie er seine Lebensform nennt, hat er nur die Filmautorin Brigitte Streubel mitgebracht – die anderen vier Frauen sind zu Hause geblieben.

Er erzählt, wie er von seinem einstigen Mitbewohner Andreas Baader „Verräter“ genannt wurde, weil er den RAF-Terror nicht mitmachen wollte: „Ich habe ihnen gesagt, macht was mit Frauen, das ist besser.“ Als Mech eine Zuhörerin auf die Bühne bittet, um sich so weit auszuziehen, wie es ihr Schamgefühl zulasse und die junge Frau namens Gloria tatsächlich die Hose runterlässt, muss sich Langhans fast wie im „RTL-Dschungelcamp“ fühlen, das er voriges Jahr aufmischte.

Sein nächstes Projekt sind die Piraten, denen er Geld gespendet hat (obwohl der ehemalige Reserve-Fähnrich der Bundeswehr nur 200 Euro Rente bekommt). „Wir hatten damals das Gefühl, dass es keinen Besitz geben sollte – wie die Piraten heute“, sagt Langhans, worauf Zinn klarstellt, dass ihre Partei nicht dafür sei, Diebstahl zu legalisieren. Die 31-Jährige versteht auch nicht, wieso sich Langhans noch schuldig fühle für die NS-Verbrechen seiner Elterngeneration.

Trotzdem will der ehemalige Grüne Langhans weiter mit den Piraten flirten, wie er später gegenüber unserer Zeitung sagt. Die Voraussetzungen stimmen. Sieben Stunden verbringt er täglich im Internet, meist nachts. Demnächst will der alte Kommunarde sich ein Smartphone kaufen, damit er rund um die Uhr online ist.

Von Matthias Lohr

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