Sammelband zu den kirchlichen Ausstellungen zur documenta - Streit um den Mann im Turm

Der Konflikt schwelt noch

Ein Geschenk für Kassel: Nach seiner Ausstellung in der Elisabethkirche ließ Stephan Balkenhol den Mann aus Aluminium im Turm stehen. Foto: Fischer

Carolyn Christov-Bakargiev war „schockiert“, fühlte sich „bedroht“. Die Leiterin der documenta 13 hatte ihr „traurigstes Erlebnis“ in Kassel, als sie Anfang Mai 2012 Stephan Balkenhols Skulptur eines Mannes im St.-Elisabeth-Kirchturm am Friedrichsplatz – ein Werk der katholischen Begleitausstellung – erblickte. Ihr Protest verursachte viel Wirbel – und brachte gewaltige Medienpräsenz.

Ein Sammelband blickt nun auf die Kontroverse zurück und zeichnet die Konfliktlinien nach. Herausgeber ist Josef Meyer zu Schlochtern, Theologie-Professor in Paderborn. Er war in der Vorbereitungsgruppe der Balkenhol-Schau in der Elisabethkirche beteiligt.

Balkenhols Darstellung des Mannes mit ausgebreiteten Armen auf einer goldenen Kugel – ob er nun segnet oder balanciert – konterkarierte Christov-Bakargievs Absicht, mit ihrer documenta den zentralen Stellenwert des Menschen, die Anthropozentrik, gerade infrage zu stellen. Auf dem Friedrichsplatz sollte es Schmetterlinge und ursprünglich auch einen Meteoriten geben, aber bewusst keine künstlerische Repräsentation des Menschen.

Grundsätzlicher ging es auch um die „Lufthoheit“ über den Platz und die Konkurrenz zu documenta-Zeiten, also um die Frage, ob während der Weltkunstausstellung andere Akteure als die documenta „künstlerische Standpunkte formulieren und im öffentlichen Raum präsentieren dürfen“, wie es Christoph Baumanns, Projektleiter in St. Elisabeth, formuliert.

Protestanten verzichteten

Dieser Konflikt, das macht das Buch deutlich, ist keinesfalls gelöst. Bei der nächsten documenta kann er wieder aufbrechen. Zumal es eine „gemeinsame, reflektierte Auswertung“ der Auseinandersetzungen beider Kirchen (die Protestanten hatten 2012 auf Bitten der documenta auf eine Begleitausstellung verzichtet) nicht gegeben hat, wie Baumanns bedauert. Leider fehlt im Buch auch ein Beitrag aus documenta-Perspektive.

Zwar reduziert der Untertitel das Buch, in dem sich Balkenhol ausführlich im Interview äußert und der Vortrag von Pater Elmar Salmann zur Eröffnung vor 1300 Gästen abgedruckt ist, auf den Streit. Einige Beiträge beschäftigen sich aber mit früheren Begleitausstellungen und grundsätzlich mit Kunst in der Kirche.

Und mit Spuren des Religiösen auf der d13. Dirk Schwarze, langjähriger HNA-Kulturressortchef, erzählt, wie er als Moderator der Laurie-Anderson-Tagung in der Evangelischen Akademie in Hofgeismar zehn Minuten auf die empörte „CCB“ einredete, die beinahe abreiste, als sie realisierte, dass dieser Ort zur Kirche gehört.

Doch lud die „kämpferische Atheistin“ trotz ihrer „regelrechten Kirchen-Phobie“ (Schwarze) Künstler ein, die sich keineswegs nur religionsfeindlich zeigten. Ausgerechnet in einem der prominentesten Räume, der documenta-Halle, rotierten beispielsweise Thomas Bayrles Maschinen zu kirchlichen Gesängen: eine Meditation betender Motoren.

Josef Meyer zu Schlochtern (Hg.): Kunst, Kirche, Kontroversen. Der Streit um die kirchlichen Begleitausstellungen zur documenta. Schöningh, 130 S., 19,90 Euro, Wertung: !!!!:

Von Mark-Christian von Busse

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.