Konstantin Wecker: Die Wut ist noch da

Ruft noch immer zur „Revolution“ auf: Der 69 Jahre alte Konstantin Wecker rührte die Besucher zu Tränen. Im Hintergrund Cellistin Fany Kammerlander. Foto: Hedler

Vellmar. Es war ein Konzert, das manchen Besucher zu Tränen rührte: Konstantin Wecker, die Ikone der Linken, gastierte beim Sommer im Park.

Die Revolution findet im Zelt statt. Da Wohlstand und Abgleiten ins Private fürs Erste gesiegt haben, ist es auf den Straßen und Plätzen in Sachen Weltverbesserung still geworden. Doch einer hat den Stachel, der gegen die Verhältnisse löckt, noch nicht in die Mottenkammer verbannt. Seit fast fünfzig Jahren steht Konstantin Wecker auf der Bühne. Am Dienstagabend war er beim Sommer im Park in Vellmar zu Gast. Alle Plätze waren besetzt, und noch vor dem ersten Ton brandete gewaltiger Beifall auf.

Wecker ist eine Ikone. Die linke Spur hat er nie verlassen. „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“, hat Wolf Biermann gesagt. Für den Liedermacher, Film- und Musikkomponisten, Dichter, Schriftsteller und Agitator gilt dies nicht. Er ist sich treu geblieben, indem er sich nicht verändert hat. So verwundert es kaum, dass der 69-Jährige sein neues Tourneeprogramm „Revolution“ übertitelt. Einer muss es ja (noch) machen: „Es hat sich nichts an meiner anarchistischen Einstellung geändert!“

Doch Revolution heißt für den Sänger in Blue Jeans und schwarzem Hemd nicht nur radikale Änderung der Verhältnisse („Verändert den Lauf, wehrt euch, empört euch, enteignet das Pack!“), sondern auch Poetisierung der Welt im Sinne der Frühromantiker. Das wunderschöne Novalis-Gedicht „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren …“, das Wecker vertont und fortgeschrieben hat, war ein leiser Höhepunkt des langen Abends.

Ob die Lieder des Abends alt oder neu sind, ist gar nicht so einfach festzustellen. Ihre Texte sind alle noch gültig, ihr Impetus manchmal etwas in die Jahre gekommen. Die vielfarbige Begleitung durch die vier hervorragenden Musiker der Band schafft dabei neue Tönungen.

Weckers Stimme ist anfangs noch ungelenk. „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“ entfaltet noch nicht ganz die zauberhafte Wecker-Poesie. Doch sein Gesang öffnet sich, die Stimme bekommt wieder ihre unverkennbare Färbung, durchdringend und doch weich, menschlich und nicht zuletzt mit charmanter Beimischung aus dem Münchner Bayerisch.

Die Besucher, manche von ihnen zu Tränen gerührt, wollten Wecker, für viele von ihnen ein Wegbegleiter seit Jahrzehnten, nicht ziehen lassen. Vier Zugaben.

Sommer im Park heute, 20 Uhr: Herbert Pixner Projekt. Morgen, 20 Uhr: Die Kernöl-amazonen.

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