Eine beeindruckende Werkschau von Menschen mit Autismus in der documenta-Halle in Kassel

Konstruktion von Wirklichkeit

Pferde über Pferde: Das Werk ohne Titel von Nadine Wohld zeichnet bewundernswerte Genauigkeit aus. Fotos:  Malmus

Kassel. Fasziniert bleibt Jan Hoet, künstlerischer Leiter der documenta 1992, vor einem 21 mal 30 Zentimeter großen Blatt stehen. „Kann man das kaufen?“, fragt der Kunsthistoriker und Kurator. Nadine Wohld, Jahrgang 1990, hat mit unerhörter Präzision hunderte Pferde ausgeschnitten und neben- und übereinander aufgeklebt.

„Unglaublich wichtig“ findet der 73-jährige Hoet die Ausstellung „Ich sehe was, was du nicht siehst“, die bis 20. Juni in der documenta-Halle in Kassel läuft: die erste Werkschau autistischer Künstler. Sie soll zeigen, dass Autisten, auch wenn sie sich nicht immer verbal äußern können, sich doch ausdrücken können und etwas zu sagen haben. Dass sehenswert ist, was sonst eher im Verborgenen geschaffen wird. Dass man seine Sichtweise immer wieder überprüfen muss.

Wobei die Grenzlinien in der Kunst zwischen „normal“, „gesund“, und „krank“, „gestört“ sowieso unscharf sind. „Kunst entsteht aus Frustration“, sagt Jan Hoet, der Sohn eines Psychiaters und Großvater einer 16-jährigen Autistin, weshalb er den Verein „akku - Autismus, Kunst und Kultur“ unterstützt, der die Ausstellung mit hohem ehrenamtlichem Einsatz sehr professionell organisiert hat.

„Wir wollen immer das Schöne sehen“, ergänzt Hoet, etwa bei van Gogh und Cézanne, dabei seien in der Kunst oft „dämonische Kräfte“ am Werk. Das Schreckliche im menschlichen Geist hätten auch Surrealismus und Dadaismus erforscht.

Gibt es eine „autistische Kunst“? Das festzustellen, soll der Rundgang möglich machen, sagt Volker Elsen von „akku“. Ausgesprochen lohnend ist er auf alle Fälle. In allen Bereichen: der eigentlichen Ausstellung, die 65 Positionen versammelt („Kunsträume“), in der „Talentwerkstatt“ mit 123 Teilnehmern, die Kunststudentinnen aus Paderborn zusammengestellt haben, und im „Fotolabor“: Elf Fotografen (darunter Stars wie Herlinde Koelbl) haben die autistischen Künstler porträtiert.

Was auffällt, ist, wie die künstlerische Betätigung den Autisten hilft, sich in der Welt zu orientieren, ja, Welt zu konstruieren, sogar mit eigenen Sprachen. Autisten sind oft verstört, wenn sie Veränderungen verkraften müssen, wenn Gewohnheiten durcheinandergeraten. Auch in den Gemälden, Grafiken und Zeichnungen dominiert das Prinzip der Serie und Reihe, die Wiederholung.

Gitternetze, Geflechte und Gespinste werden ins potenziell Unendliche verlängert, Linien und Landkarten wachsen über ihre Begrenzungen hinaus, Stammbäume und Stadtstrukturen vervielfältigen sich, es entstehen, mit verblüffender Liebe zum Detail, Parallelwelten. Um zu ihnen einen Zugang zu finden, rät Jan Hoet: „Versuchen Sie, in die Haut des Künstlers zu schlüpfen.“

Bis 20. Juni. Täglich 10-19 Uhr, Rundgänge 11 und 15 Uhr, Eintritt 5 (ermäßigt 3 Euro). Programm mit Ateliergesprächen, Filmen, Lesungen: www.ichsehewas.de Katalog (Kerber Verlag): 25 Euro.

Von Mark-Christian von Busse

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