Wunderschöne Details, faszinierende Augenblicke: Die Pianistin Dina Ugorskaja gastierte in Niestetal

Der Kontrast machte die Musik

Schubert verlangt Reife: Dina Ugorskaja näherte sich den beiden Sonaten fast nüchtern - und doch gelangen ihr anrührende Passagen. Foto: Schachtschneider

Niestetal. Franz Schubert war der Monopolist des Klavierabends mit der russischen, in München lebenden Pianistin Dina Ugorskaja. Nur zwei Sonaten hatte sie mitgebracht.

Nur? Das Wort verbietet sich angesichts des Gehalts der G-Dur- und der „späten“, Schuberts letzter Sonate in B. Beide Werke, weit ausholend in ihren Anfangssätzen, immer noch überaus vielfältig in den folgenden, tragen den ganzen Schubert’schen Kosmos in sich. Sie machen es den Interpreten technisch nicht besonders schwer, doch verlangen sie nach einer reifen Künstlerpersönlichkeit.

Konnte Dina Ugorskaja diesem Anspruch standhalten? Mit unbewegter Miene, tief konzentriert, fixiert sie das Instrument, den leicht nachschlagenden, nicht hundertprozentig gestimmten Flügel, und versinkt in Schubert.

Einen großen Bogen zu schlagen, verbietet sich a priori, und so wirkt die Herangehensweise der Künstlerin passend. Zurückhaltend, fast nüchtern manchmal, nähert sie sich dem Material, doch dann ergeben sich wunderschöne Details, so etwa in den winzigen affirmativen Miniaturen im ersten Satz oder im feenhaften zweiten Thema des Menuetts der G-Dur-Sonate. Der Kontrast machte hier die Musik, täuschte keine Einheit vor, die im tastenden, brüchigen Idiom Schuberts nicht zu konstruieren sein sollte.

Variationenzyklus

In der B-Dur-Sonate war es vielleicht der zweite Satz „Andante sostenuto“, der am meisten anrührte. Besonders im Mittelteil, wo der Komponist nur kurz, aber doch wie in einem Variationenzyklus mit einer Melodie spielt, gelangen, auch durch eine unmerkliche, doch wirkungsvolle Beschleunigung, faszinierende Augenblicke.

Nach fast anderthalb Stunden verbot sich eine Zugabe aus der Feder Schuberts. Nur kurz riss Ugorskaja für die sehr angetanen 75 Zuhörer im Gemeindesaal von Sandershausen an, was ihr derzeit noch am Herzen liegt: Händel mit einer Aria und Chopin mit dem fis-Moll-Prélude aus Opus 28.

Von Johannes Mundry

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