Vier Künstler sind für den Preis der Neuen Nationalgalerie in Berlin nominiert

Im Kopf bleibt Babylon

Einer der möglichen Preisträger: Cyprien Gaillard, Shooting-Star der zeitgenössischen Kunst. Fotos:  Neue Nationalgalerie

Berlin. Diese Klänge sollen also Menschen gefoltert haben. „Babylon“, singt David Gray mit Sehnsucht in der Stimme. „Babylo-hon“ - immer wieder die gleichen vier Noten in Endlosschleife.

Der französische Künstler Cyprien Gaillard - einer der vier Nominierten für den Preis der Neuen Nationalgalerie (siehe Kasten) - hat die Ruinenstadt im heutigen Irak besucht und eindrucksvolle Bilder mit seiner Handykamera aufgenommen. Soldaten, die einen Baggerfriedhof bewachen, versehrte Artefakte aus der untergegangenen Königsstadt und über allem das Lied, mit dem die Amerikaner tagelang Gefangene zermürbt haben sollen.

In Kitty Kraus’ Raum wirbeln von Motoren angetriebene Stangen durch die Luft, an denen man normalerweise Einkaufswagen schiebt. Die bunten Markenlogos verschiedener Discounter legen die Assoziation von der nie ruhenden Konsumgesellschaft nahe. Auch eine Glasscheibe, die Kraus so stark gebogen hat wie nur irgend möglich, deutet in diese Richtung. Ein fragiles Gebilde ganz kurz vorm Splittern - vielleicht der überraschende Höhepunkt der Ausstellung.

Auf animierte Alptraum-Bilder setzt Andro Wekua mit seiner Videoinstallation „Never sleep with strawberries in your mouth“. Die grellbunten Bilder, die schon in Kassel zu sehen waren, erzählen ein Märchen vom Eingesperrtsein und spielen mit Elementen aus Hollywood und Horrorfilmen. Wekua erschafft Figuren mit Sehnsucht nach einem Zuhause, doch die Replikanten mit toten Maskengesichtern sind 15 Minuten lang nur schwer zu ertragen.

Fast unscheinbar mutet dagegen die Arbeit der Schwedin Klara Lidén an. Im Fridericianum musste das Publikum noch auf instabile Regalkonstruktionen klettern, jetzt lässt sie die Besucher erstmal an ihrem Werk vorbeilaufen. Nur die wenigsten bemerken sofort die Eibenhecke, die sie vor der Tür in Form eines Containers getrimmt hat. Innen wächst Unkraut, wie man es auf jeder beliebigen Baustelle findet. Lidén reagiert auf ihr Berliner Umfeld, dem es an realen und Baustellen im übertragenen Sinn gewiss nicht fehlt.

Künstlerin im Papierkorb

Doch auch das Motiv des Wegwerfens scheint sie zu beschäftigen. In einem schlichten Videoclip entsorgt sich die Künstlerin selbst in einem Papierkorb und lässt den Betrachter mit seinen Gedanken und ihrem Grünzeug-Container zurück, den man aus dem Fenster im Hof stehen sieht. „Harvest Moon“ steht als Titel an der weißen Wand. Der Rest passiert im Kopf.

Solche Subtilität kann man Gaillard und seinen wuchtigen Irak-Bildern nicht unterstellen. Doch die Annäherung an den Mythos Babylon scheint die Besucher am meisten zu faszinieren. Neun von zehn Mitgliedern einer Reisegruppe aus Münster kreuzen Gaillard für den Publikumspreis an.

Auf dem Weg nach draußen, zurück in die Berliner Baustellen, begegnet jedem nochmal Lidéns Container. Doch im Kopf läuft David Grays „Babylon“. Immer die vier selben Noten.

Von Saskia Trebing

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