Neu im Kino: In „Mahler auf der Couch“ verfilmen Percy und Felix Adlon die Lebenskrise des Komponisten

Kopfdrama bei Dr. Freud

Rauchen in der Behandlungspause: Johannes Silberschneider als Gustav Mahler (l.) und Karl Markovics als Sigmund Freud. Foto: Verleih/nh

Irgendwann müssen die beiden eingeschlafen sein. „Herr Dr. Freud, es ist sechs Uhr!“, ruft das Zimmermädchen. Sigmund Freud und Gustav Mahler, die beiden gesetzten Herren, schälen sich ächzend aus dem Sessel und aus dem Feldbett, das im Hotelzimmer als Behandlungscouch für Mahler aufgestellt wurde.

War was? Allerdings. Gustav Mahler, der berühmte Komponist und ehemalige Wiener Hofoperndirektor hat den Begründer der Psychoanalyse aufgesucht, weil seine Ehe mit der 19 Jahre jüngeren Alma Schindler in der Krise steckt und weil er seiner wachsenden Verzweiflung darüber nicht mehr Herr wird.

Was die Filmemacher Percy und Felix Adlon in dem Film „Mahler auf der Couch“ inszenieren, könnte sich so ähnlich abgespielt haben. Überliefert ist zumindest, dass Mahler, nachdem er von Almas Affäre mit dem jungen Architekten Walter Gropius erfahren hatte, bei Freud Hilfe suchte.

Ob er wirklich erfahren wollte, was Freud in einer Kurzanalyse bei ihm zu Tage zu fördern versucht? Immer wieder läuft Mahler weg - und auf die Frage nach dem „ehelichen Verkehr“ antwortet er: „Sie wiederholen sich, Dr. Freud!“

Die Behandlungsszenen sind das Herzstück von Adlons’ Film, und allein der von Karl Markovics knorrig gespielte Freud ist das Eintrittsgeld wert.

Um diese Therapie ranken sich Szenen aus Mahlers vorletztem Lebensjahr 1910, seine (zunächst verdrängten) Erinnerungen an Almas herausgeschleuderte Vorwürfe, als ihre Affäre wegen eines falsch adressierten Briefs auffliegt.

Immer wieder schlagen die imaginierten Lustschreie Almas mit Walter Gropius in Mahlers Kopf wie Blitze ein. Barbara Romaner verkörpert eindrucksvoll die Zerrissenheit Almas als Ehefrau Mahlers. Als vitale und begabte, von vielen Künstlern umschwärmte junge Frau hat sie Wiens begehrtesten Mann erobert - und zu spät gemerkt, dass sie das Selbstopfer, das er von ihr verlangt, nicht bringen kann.

Neben dem allem zeigen die Adlons - etwas holzschnittartig zwar - den Schmäh der Wiener Kulturszene, dazu schöne Bergpanoramen, vor deren Kulisse sich das Ehedrama vollzieht.

Erwartungsgemäß eignen sich Mahlers Sinfonien bestens als Musik-Hintergrund. Immer wieder wird der so verzweifelte wie hoffnungssüchtige erste Satz der unvollendeten Zehnten angespielt, dazu die langsamen Sätze aus der vierten und der fünften Sinfonie. Hört man diese Musik, dann wird der große Makel dieses Films überdeutlich: Der verhuschte Johannes Silberschneider ist niemals glaubhaft als jener Gustav Mahler, von dem diese eindringlichen Klänge stammen.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: !!!!:

www.hna.de/kino

Von Werner Fritsch

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