Kopien sind auch nur Originale: Die Kunst der Wiederholung in Karlsruhe

Original und Variation: Francisco de Goyas Radierung „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ (1797/98) und eine Fotografie Yinka Shonibares von 2008. Fotos:  Kunsthalle Karlsruhe

Karlsruhe. Albrecht Dürer verurteilte die Fälschung seiner Werke aufs Schärfste. Gegen künstlerisch motiviertes Kopieren hatte er jedoch nichts einzuwenden: „Aus wem ein großer, kunstreicher Maler werden soll, der muss von guten Meistern viel kopieren, bis er eine freie Hand erlangt.“

Den vielfältigen Formen, Funktionen und Motiven der mit künstlerischem Anspruch geschaffenen Wiederholung von Werken ist in der Kunsthalle Karlsruhe eine aufschlussreiche Schau gewidmet.

Die Ausstellung will Anwalt der Kopie als Original sein. Aufgeboten sind 120 Werke von 81 Künstlern aus den letzten 700 Jahren. Pia Müller-Tamm, Direktorin der Kunsthalle, erläutert: Die Ausstellung „zeigt uns das Neue als Rekurs auf das Alte, die Kunstgeschichte als ein System von Aneignungen und Ableitungen“.

Oft werden bei der künstlerischen Aneignung eines Werkes Veränderungen vorgenommen, die das kopierte Werk in einen neuen Zusammenhang überführen. Das wird schon durch den Wechsel des Mediums anschaulich. So hat etwa Johann Geminger den von Dürer geschaffenen berühmten Kupferstich „Ritter, Tod und Teufel“ (1513) in ein farbenprächtiges Gemälde (um 1600) übertragen. Und aus Francisco de Goyas großartiger kleiner Radierung „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ (1797/98) ist unter der Regie Yinka Shonibares eine fast zwei Meter hohe, irritierend lebendig wirkende Farbfotografie mit echtem Darsteller sowie ausgestopften Tieren - Luchs, Fledermäusen und Käuzchen - geworden.

Wiederholt ist das Vorbild in der Neuinterpretation kaum wiederzuerkennen. Das beweisen drei Bilder, auf denen Maria den sterbenden Christus beweint. Das erste in der Reihe ist die von Eugène Delacroix gemalte „Pietà“ (um 1850). Getreu, aber seitenverkehrt wurde sie von Célestin-Francois Nanteuil in eine Lithografie (1853) übersetzt.

Die schwarz-weiße Lithografie wiederum wurde für Vincent van Gogh zum Auslöser eines kreativen Prozesses. In seinem Gemälde „Pietà (nach Delacroix)“ identifiziert sich van Gogh mit dem gemarterten Heiland, indem er seine Gesichtszüge auf dessen Antlitz überträgt.

Eine Anleitung, wie man teure Kunstwerke kostengünstig selber nachahmen kann, gibt schließlich Florian Freier mit seinem Beitrag „The Eye of God - Recreating Andreas Gursky (Google Earth Remix)“ (2009), der aus einem Fotoausdruck und einem Video besteht. Als Vorlage diente Freier die von Gursky mit hohem logistischem und technischem Aufwand hergestellte Fotoarbeit, welche die Rennstrecke von Bahrain zeigt.

Das Video dokumentiert, wie man schlicht und einfach unter Einsatz von Computer und Internet zu einem ähnlichen Bildergebnis kommen kann.

Kuratorin Ariane Mensger zieht das Ausstellungsfazit: „Jede Kopie ist ein Original im Hinblick auf den, der sie geschaffen hat.“

Bis 5.8., Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Hans-Thoma-Straße 2-6. Infos: Tel.: 0721-9263359, www.kunsthalle-karlsruhe.de Eintritt: 8 Euro. Katalog (Kerber Verlag) in der Kunsthalle 35 Euro (Buchhandel 39,95 Euro).

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