Helene Hegemann hat ihren Bestseller „Axolotl Roadkill“ ein bisschen abgeschrieben

Kopieren geht über studieren

Die Filmemacherin und Autorin Helene Hegemann.

So haben das die Kritiker vermutlich nicht gemeint, als sie Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ zur Roman-Sensation erklärten.

Ende Januar veröffentlichte der Ullstein-Verlag das Debüt der 17 Jahre alten Berlinerin. Der Schriftsteller Maxim Biller jubelte über „unvergessliche Literatur“, die prompt auf Rang fünf der „Spiegel“-Bestsellerliste kletterte.

Und nun stellt sich heraus, dass Hegemann Teile ihres Buchs abgeschrieben hat. Es ist eine kleine Sensation, wie eine Autorin mit fremden Texten umgeht. Mindestens eine Seite hat Hegemann von dem Berliner Blogger Airen abgeschrieben, der über das Partyleben im Club Berghain erst ein Web-Tagebuch und dann den Roman „Strobo - Technoprosa aus dem Berghain“ schrieb. Hegemann hat das in einer Pressemitteilung zugegeben, zugleich aber erklärt, dass sie ihre Arbeitsweise „total legitim“ findet und sich „überall bedient, wo man Inspiration findet“.
Um das zuzugeben, musste sie allerdings erst von dem Blogger Deef Pirmasens inspiriert werden, der Passagen aus beiden Büchern auf seiner Webseite www.gefuehlskonserve.de gegenüberstellte. Am Freitag vergangener Woche schickte er den Link an den Verlag Sukultur, der „Strobo“ im August 2009 veröffentlich hatte. Dessen Geschäftsführer Frank Maleu wollte es erst nicht glauben, was er da las, besorgte sich dann aber „Axolotl Roadkill“, las die Geschichte über eine 16-jährige Schulschwänzerin, Drogen und Rebellion und sagt uns nun am Telefon: „Man kann nicht einfach klauen.“ Seinem Verlag hätte vermutlich nichts Besseres passieren können. „Strobo“ erschien nur in kleiner Auflage, bei Amazon ist der Roman derzeit nur über Drittanbieter erhältlich. Nun wird der Blogger Airen, der seinen wahren Namen nicht nennt, doch noch bekannt. Derzeit liest er „Axolotl Roadkill“, um noch mehr Stellen zu finden, die Hegemann abgeschrieben haben könnte. Erst dann will sich Maleu mit dem Ullstein-Verlag einigen, der sich gerade um eine nachträgliche Genehmigung bemüht. Maleu findet „Axolotl Roadkill“ trotz allem „ein gutes Buch“. Diese Woche soll es für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert werden. Hegemann, die bereits ein Theaterstück geschrieben und einen Film gedreht hat, während sie die Schule schwänzte, wird weiter das „Wunderkind der Bohème“ („Spiegel“) bleiben. Womöglich ist „Axolotl Roadkill“ tatsächlich eine Sensation, weil es exemplarisch für eine Generation steht, die durch das Internet völlig anders mit Urheberrechten umgeht. Heutzutage entstehen ganze Hausarbeiten durch Kopieren und Einfügen, die Kultur des Bloggens ist vor allem eine Kultur des Zitierens. Der Ullstein-Verlag führt als Entschuldigung für seine „begabte Autorin“ an, dass sie „mit der sharing-Kultur des Internets aufgewachsen ist“. Hegemann schreibt in ihrer Mitteilung: „Von mir selber ist überhaupt nichts, ich selbst bin schon nicht von mir.“ Diesen Satz, gesteht sie, hat sie von der Schauspielerin Sophie Rois geklaut.


Von Matthias Lohr

Der Text im Vergleich:

Axolotl Roadkill (S. 23): „Ich habe Fieber, Koordinationsschwierigkeiten, ein Promille im überhitzten Blut …”
Strobo (S. 106): „Ich habe ein Grad Fieber sowie ein knappes Promill Alkohol im überhitzten Blut.“

Axolotl Roadkill (S. 136): „,Wir unterhalten uns gerade über Bisexualität!’, moderiere ich schwerstelegant zu ihr hinüber.’“
Strobo (S. 99): „,Wir reden gerade über Bisexualität’, moderiere ich mich zu Jan rüber …“

Axolotl Roadkill (S. 80): „Anstatt mir zu antworten, wickelt sie die Plastikfolie ab. Schlussendlich liegt auf dem Mahagonitisch eine Messerspitze bräunlichen Pulvers, das wie Instanttee aussieht und nach einer Mischung aus Zigarettenkippen, Müll und Essig riecht. [...] Als sie ein Feuerzeug unter die Folie hält, schmilzt das Heroin und zieht eine kleine Rauchschwade hinter sich her.“
Strobo (65): „Schicht um Schicht wickle ich die Plastikfolie ab, bis in der Mitte eine gute Messerspitze bräunlichen Pulvers zum Vorschein kommt. Sieht in etwa so aus wie Instant-Tee und riecht säuerlich, wie eine Mischung aus Zigarettenkippen, Müll und Essig. [...] Sobald ich ein Feuerzeug unter die Alufolie halte, schmilzt das Heroin und zieht eine kleine Rauchfahne hinter sich her.“  

Quelle: www.gefuehlskonserve.de

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