Der Berliner Künstler hat das Museumsgebäude in eine psychiatrische Anstalt verwandelt

Neue Ausstellung: Der Kosmos des Thomas Zipp

Gelegenheit zum Sich-Austoben: Auch die Gummizelle im Museum Fridericianum darf betreten werden. Fotos:  Herzog

Kassel. Jede der Uhren, die im Fridericianum hängt, zeigt eine andere Zeit. Auch das trägt in den fensterlosen, langen Gängen zum beklemmenden Gefühl bei, orientierungslos und aus der Welt gefallen zu sein.

Von den neongrell beleuchteten Fluren gehen Türen ab, oft in dunkle, leere Räume, dann wieder verbergen sich dahinter Schlafsaal, Küche, Waschraum, Behandlungszimmer, Bibliothek, Kapelle, Maltherapieraum oder Speisesaal.

Die Bilder von Thomas Zipp

Ausstellung im Fridericianum:  Bilder von Thomas Zipp

Die Glocke könnte die „Insassen“ dieser merkwürdigen psychiatrischen Anstalt zusammenrufen. „Geist ohne Körper“ steht darauf. Geist, Körper, Norm, Abweichung, das Gesunde und das Kranke, Realität, Unbewusstes und Rausch - diese Themen verhandelt der als Professor in Berlin lehrende gebürtige Heppenheimer Thomas Zipp in seiner spektakulären Einzelausstellung in der Kasseler Kunsthalle.

Wieder verwandelt ein einziger Künstler das riesige Fridericianum, dieses Museumsgebäude mit langer aufklärerischer und documenta-Tradition. „Doch es ist keine Christoph-Büchel-Ausstellung“, sagt Kunsthallen-Leiter Rein Wolfs, „sondern viel ruhiger“.

Hatte der Schweizer im Herbst 2009 mit besessener Genauigkeit seine „Deutsche Grammatik“ entworfen und Discounter, Spielhalle und Sonnenstudio, Kneipe und Kegelbahn in das Gebäude verpflanzt, so belässt es der 42-jährige Zipp meist bei Andeutungen. Er hat - ähnlich wie in Lars von Triers Film „Dogville“ - irritierende Kulissen gebaut: eine Art Modell.

Zipp schafft Assoziationsräume, die die Besucher gedanklich ausfüllen und die sie sich praktisch erobern können. Im verspiegelten Sportraum darf man Fahrrad fahren, immer im Kreis; wer die Schuhe auszieht, kann die Gummizelle betreten. Und ob womöglich Türen zu verborgenen Kammern des eigenen Kopfes Unheilvolles offenbaren?

„Individuelle Mythologien“, diesen Begriff des legendären Kurators Harald Szeemann verwendet Rein Wolfs in seiner Einführung ebenso wie das Wort Gesamtkunstwerk. Tatsächlich entwirft Zipp seinen persönlichen Kosmos. Er bedient sich scheinbar wahllos und beliebig der Geistes- und Kunstgeschichte und zwingt Disparates zusammen: Jackson Pollock und Martin Luther, das „automatische Schreiben“ der Surrealisten, James Ensor, die Futuristen und Dada, Drogen-Experimente und Darwin.

Es geht um Schuld, Sünde und Ablass, um Pädagogik und Religion, um das Wissen und das Geheimnis. Und um die Rolle des Künstlers: Nicht zuletzt ist die Gummizelle auch ein „white cube“, der leere, weiße Museumsraum der Moderne.

Zipps düsteres Universum ist nicht leicht zu entschlüsseln. Verblüffend ist indes die mediale Vielfalt der über 200 Werke, die von der Steinskulptur über Collagen und Malerei bis zur Zeichnung seiner dreijährigen Tochter reicht.

Von Mark-Christian von Busse

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