Kostüme als „Seelenzustände“

Krasse Maske: Kasseler Sänger verwandeln sich für Oper „Idomeneo“ in Kriegsversehrte

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Fertig für den Auftritt: Lothar Odinius trägt als Idomeneo einen verletzten Bauch.

Umstrittene Kostüme mit Kriegsverletzungen: Für die Operninszenierung "Idomeneo" verwandeln sich Kasseler Darsteller in Kriegsversehrte. Das Publikum reagiert gespalten.

  • Für die Mozart-Oper "Idomeneo" verwandeln sich die Darsteller aus Kassel in Kriegsversehrte.
  • Die Kostüme der Operninszenierung sind umstritten.
  • Der kaputte Look" lässt die Darsteller ganz schön Schwitzen.

Aufsehenerregend und auch ein bisschen umstritten sind die Kostüme für Lorenzo Fioronis Operninszenierung von Mozarts "Idomeneo" in Kassel. Sie zeigen Kriegsversehrte. Wir sprachen mit den Hauptdarstellern backstage.

Fast eine Stunde sitzen Lothar Odinius und Maren Engelhardt vor einer Aufführung in der Maske, um für ihren Auftritt in der Mozart-Oper „Ideomeneo“ zurechtgemacht zu werden.

Kostüme in Mozart-Oper: Versehrte Körper sollen Seelen der Protagonisten sichtbar machen

Heile Haut wird in verwundete verwandelt, schlanke Körper werden zu fülligen, Haare werden zur Glatze, und bei Odinius kommt ein Bauch hinzu, aus dem die Gedärme zu quellen scheinen. Drastisch, krass, überzeichnet.

Eine Art Haube: Glatze und Zahnstümpfe sind auf Lothar Odinius Kopf, Arme und Oberkörper sind mit Silikonwülsten und verdreckten Stoffstreifen verhüllt.

Das Publikum reagiert gespalten. Die beiden Sängerdarsteller finden den Look jedoch passend und kommen gut damit zurecht: „Kostümbildnerin Annette Braun erklärte uns, dass wir sie mehr als Seelenzustände denn als Kostüme sehen sollen“, sagt Maren Engelhardt. „Das versehrte Äußere soll die versehrten Seelen der Protagonisten sichtbar machen.“

Kostüme der Darsteller helfen bei der Interpretation der Opern-Figuren

Veränderung: Erst kommt die Glatze, dann werden Maren Engelhardt schüttere Haare aufgeklebt und Verletzungen ins Gesicht geschminkt.

Lothar Odinius hat die Titelpartie des kretischen Königs schon mehrfach gesungen. „Das Krasseste bisher war, wenn ich am Ende mal in der Unterhose dastand.“ Ihm hilft sein Kostüm und seine Maske bei der Interpretation der Figur des kriegsversehrten Helden: „Ich kann noch mehr aus mir herausgehen.“

Engelhardt ergänzt: „Durch die Nacktheit wird seine Figur noch verletzlicher. Ich entwickle viel Empathie für diesen Menschen, der nach dem langen Krieg körperlich und seelisch völlig entkräftet ist.“ Hier gehe es nicht um Realismus.

Kostüme in der Oper: Publikum lässt sich auf emotionaler Ebene von Menschenbildern ansprechen

Viele Opernproduktionen würden eine solche zusätzliche Interpretationsebene erst gar nicht aufscheinen lassen. Die teils heftige Ablehnung der Kostüme sieht Maren Engelhardt als Zeichen, dass das Publikum sich auf einer emotionalen Ebene von diesen Menschenbildern durchaus ansprechen lässt. Sie freut sich aber, „wenn die Zuschauer nicht sofort die Schotten dichtmachen, sondern sich einlassen.“

Bei ihre Figur des Idamante gehe es nicht um Genderfragen. „Es geht darum, dass er manipuliert worden ist und nicht weiß, wer er wirklich ist.“

Fertig für den Auftritt: Lothar Odinius trägt als Idomeneo einen verletzten Bauch.

Kostüme für Operninszenierung bringen Darsteller ins Schwitzen

Schon Monate vor der Premiere wurden Gipsabdrücke der Oberkörper genommen und auf deren Basis Silikonmodelle gefertigt. Darauf wurden Bodys aus Trikotstoff maßgeschneidert. Auf diese Bodys wurden dann Silikonwülste aufgenäht, die Formen auswattiert.

Das Ergebnis: Die Kostüme sind schwer, warm. Regelmäßig ist das Shirt, was Maren Engelhardt darunter trägt, völlig durchgeschwitzt. Lothar Odinius sitzt auch in der Pause in der Maske um die Verbrennungen, die er im Gesicht aufgeschminkt und aus Silikon aufgeklebt bekommen hat, zu erneuern. Alles weggeschwitzt.

Schwieriger als diese Maske finden beide generell das Tragen von Hüten – das verändere die Resonanzen im Kopf beim Singen. Hier sind die Ohren frei – alles gut.

Kostüme für Oper sind eine totale Veränderung bei den Proben

Zwei Wochen vor der Premiere wurde das erste Mal im Kostüm geprobt – eine totale Veränderung zu den Proben zuvor, sagen beide, auch wenn sie bei den Konzeptionsgesprächen vorab schon Figurinen ihrer Charaktere im kaputten Look gesehen hatten.

Sie loben Regisseur Lorenzo Fioroni, der deutlich gemacht habe, worum es ihm geht, was der Gedanke hinter den Bildern ist. Engelhardt: „Deshalb machen wir das alles ja. Wir sind auch Künstler geworden, um Neues über uns herauszufinden.“

Kostüme in Mozarts Oper "Idomeneo" sorgen für eine Schreckensgeschichte

In keinem anderen Werk Mozarts ist derart eindringlich von Tod und Verzweiflung, von unerträglichen Zuständen, von Angst und Hoffnungslosigkeit die Rede wie in der Oper „Idomeneo“. Die Kostüme der Darsteller und ihre teils drastischen Bilder sorgten für eine Schreckensgeschichte.

Auch in Thomas Jonigks Inszenierung von "Mephisto" spielt der Tod eine große Rolle. Die Uraufführung am Kasseler Schauspielhaus sorgte vor ein paar Tagen für viel Jubel.

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