Fast ausverkaufte Premiere

"Krabat" ist Theater voller Magie

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Freundschaft: Tonda (Rasmus Borkowski, links) und Krabat (Anton Rubtsow). 

Bad Hersfeld: Bei den Festspielen überzeugt das Familienstück nach dem Roman von Otfried Preußler mit Spannung und Poesie.

Von einem geschundenen Land spricht die Erzählerin. Von Krieg, von Menschen auf der Flucht. Von Kindern, die niemanden mehr haben. So wie Krabat, der seine Eltern verloren hat, der nicht mehr sprechen kann vor lauter Einsamkeit. Die wundervolle Viola von der Burg, Festspielliebling seit Jahren, sorgt als Erzählerin schon in der ersten Szene des Familienstücks „Krabat“ von Otfried Preußler in der Bad Hersfelder Stiftsruine für Gänsehaut.

So gelingt es von Anfang an, die Geschichte nach einer sorbischen Sage von einem Müller, der mit dem Teufel im Bund steht und seine Lehrlinge die schwarze Magie lehrt, in unserer unruhigen Wirklichkeit zu verankern. Immer wieder klingen die Bezüge zum Heute an – eine überzeugende Regieleistung von Joern Hinkel. Mit Jubel und Standing Ovations wurde die fast ausverkaufte Premiere am Dienstagabend aufgenommen.

Geknechtet: Der Meister (Robert Joseph Bartl) schindet die Knappen in der Mühle. In der Mitte die Erzählerin (Viola von der Burg).

Der Mut der Macher zu dieser dunklen Geschichte von der Verführbarkeit der Menschen, von der Lust auf Macht und dem hohen Preis, den man dazu zu entrichten bereit ist, zahlt sich aus. Der Müller sammelt gezielt einsame Kinder ein, verpflichtet sie, bei ihm in die Lehre zu gehen – gegen Essen, Kleidung, Schlafplatz. Doch weg kann da niemand mehr, immer wieder ist der Schwur auf den Meister zu erneuern. Und einmal im Jahr muss ein Junge sterben. Allenfalls die Liebe eines Mädchens könnte den Bann brechen.

Die durchgehend hohe Spannung wird ergänzt durch große, poetische Bilder. Etwa, wenn die Mühlknappen sich in Raben verwandeln, was auf der Bühne wunderschön mit meterlangen Stäben umgesetzt wird, an denen Rabenfiguren mit bewegbaren Flügeln befestigt sind. Oder mit dem sich unerbittlich drehenden dunklen Mühlrad im Hintergrund (Bühne: Jens Kilian, Kostüme: Ella Späte).

100 junge Laiendarsteller wirken auf der Bühne mit. Anton Rubtsow spielt den Krabat überschäumend lebendig und mit hoher Identifikationskraft. Schlau, eigensinnig und später liebesentflammt und dadurch mutig, sich der Knechtschaft zu widersetzen. Rasmus Borkowski ist sein melancholischer Freund Tonda, Peter Englert ein ebenso geheimnisvoller wie treuer Juro, Kristin Heil ist die umschwärmte Kantorka. Der Meister mit dem Ledermantel und der Augenklappe über dem strähnigen Langhaar ist bei Robert Josef Bartl ein durchaus charmanter Mann, den gerade seine Fürsorglichkeit so gefährlich macht, und dem am Ende elend die Kräfte schwinden.

Die Erzählerin, die in Pulli und Jeans immer wieder in die Bühnenhandlung hineingeht, hilft dem jungen Publikum, mögliche Beklemmung zu bewältigen. Noch wichtiger aber ist, dass sie durch ihre Erzähltexte den unverwechselbaren literarischen Ton des Jugendbuchklassikers und den Zauber der Sagenvorlage erlebbar macht. Und so entsteht zwischen den Totenschädeln, die in der Mühle gemahlen werden, und dem ersten Licht der Osternacht ein Abend voller Theatermagie.

Kartentelefon: 06621-640200

www.bad-hersfelder-festspiele.de

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