Beklemmende Lesung, bewegendes Buch: Angelika Klüssendorf stellte im Bali-Kino ihren Roman „Das Mädchen“ vor

Die Kraft, die aus dem Menschen kommt

Angelika Klüssendorf Foto: Albrecht

Kassel. Ihr literarisches Interesse gilt den Ausgeschlossenen, den Menschen am Rande. Im Roman „Das Mädchen“, der für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert war, schildert Angelika Klüssendorf das Schicksal eines Kindes, das in widrigen Familienverhältnissen in den 70er-Jahren in der DDR aufwächst.

Am Sonntagmorgen hat die 53-Jährige ihr Werk vor 90 Zuhörern im Bali-Kino vorgestellt. In den Feuilletons wurde der Roman als das bewegendste Buch 2011 gefeiert, und die Leseeindrücke bestätigten diese Einschätzung. In einfacher, klarer Sprache beschreibt die Autorin, die 1985 in den Westen übergesiedelt war, das Leben des Mädchens: Die Mutter Alkoholikerin mit sadistischen Zügen, die ihre Kinder prügelt und quält, der Vater kaum anwesend. Die Erzählerin urteilt nicht über die bedrückende Familiensituation, sie stellt sie dar, lässt sie wirken. Und diese Beschreibung funktioniert, ist in ihrer Präzision beklemmend: Geschildert werden Situationen, in denen die Kinder mit einem Ledergürtel geschlagen und in den Kohlenkeller gesperrt werden. Zur Belustigung der Mutter müssen sie Peperoni essen. Im Kinderheim findet die unerträgliche Familiensituation ein Ende.

Dennoch ist „Das Mädchen“ keine Geschichte einer gescheiterten Existenz. Das Buch legt in all der Beklemmung, die es vermittelt, eine positive Lesart nahe: Klüssendorfs Protagonistin entwickelt ihre eigenen Überlebensstrategien. Sie wird zur Rebellin, geht in den Widerstand gegen ihr Schicksal und wird dabei auch zur Täterin, begeht eigenes Unrecht.

Das Mädchen steht exemplarisch dafür, dass auch widrige soziale Umstände das Leben nicht auf ewig festschreiben, Menschen nicht ein für allemal festlegen, sondern dass es eine Kraft gibt, die aus dem Menschen kommt. Diese vermag es, dem Leben eine eigene Richtung zu geben.

Angelika Klüssendorf: Das Mädchen, Kiepenheuer & Witsch, 182 S., 18,99 Euro

Von Yvonne Albrecht

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