Neu im Kino: Das vierte Abenteuer mit Daniel Craig als James Bond – „Spectre“ huldigt der Erfolgsreihe

Die Krake der Überwachung

Unheilvolle Begegnung: Oberhauser (Christoph Waltz) und Madeleine Swann (Léa Seydoux) haben mehr Verbindungen, als Madeleine lieb ist.

Allein für die Eingangssequenz würde der Kauf einer Kinokarte lohnen. Wenn der Film die Augen aufschlägt, blickt er in einen gigantischen Totenschädel mit Zigarrenstumpen zwischen den Zähnen, der durch die Stadt getragen wird. Mexiko-Stadt, Totenfest. Tausende Menschen feiern. Düster und schrill zugleich wirken all die Kostüme – und bald heftet sich die Kamera an die Schulterblätter eines dieser wandelnden Skelette, das eine hübsche Frau an der Hand hält, und folgt den beiden durchs Getümmel. Durch die Maske erkennt man schnell Daniel Craig als James Bond.

Flugs schlüpfen seine Begleiterin und er in ein Hotelzimmer. Doch gleich ruft den Agenten die Pflicht, und kurze Zeit später stürzt ein Haus zusammen, während Bond sich von Sims zu Sims hangelnd vor den Gesteinsbrocken in Sicherheit bringen will. Bald taumelt gar ein Hubschrauber gefährlich tief über die Menschenmengen auf dem Platz.

Regisseur Sam Mendes spendiert diese atemberaubende und wunderschön inszenierte Szene als Eröffnung seines James-Bond-Films „Spectre“ als Fest für den Agenten 007. Diese Qualität der Actionszenen kann der 148-Minüter nicht durchweg halten. Ganz so gut wie der Vorgänger „Skyfall“ ist „Spectre“ nicht, dennoch ist der Reboot der 007-Saga gelungen.

„Spectre“ ist eine Verbeugung. Er huldigt der Geschichte der erfolgreichsten Filmreihe der Welt. Neben der aktuellen Themensetzung – der klassische Geheimdienst soll von einer weltweit zentralisierten Drohnenüberwachung abgelöst werden – wird tief in die Retro-Trickkiste gegriffen. Das futuristische Hauptquartier des Bösewichts, ein Bombenkästchen mit rot blinkendem Countdown, ein Schurke, der Bond fies foltert und eine weiße Angorakatze durchs Bild spazieren lässt – hier wird munter aus Vorgängerfilmen zitiert. Das wird edel inszeniert und freut den Fan. Auch viele Hinweise auf die ersten drei 007-Folgen mit Craig finden sich, je tiefer Bond in Mexiko, Rom, Österreich, Marokko und London in die Geheimnisse der krakenartig-omnipräsenten Verbrecherorganisation Spectre eindringt. Hier wird eine Tetralogie geformt und abgeschlossen.

Großartig sind die Frauen, die man nicht Bond-Girls nennen mag. Monica Bellucci versprüht als schwarze Witwe Lucia Sciarra pure Erotik. Léa Seydoux mit dem marcel-proustschen Namen Madeleine Swann agiert auf Augenhöhe mit dem Agenten und wechselt zwischen Mädchenhaftigkeit im Hotelbett in Tanger und ladyliker Eleganz im Luxuszug in die Sahara souverän.

Christoph Waltz bekommt als Bonds Gegenspieler Oberhauser, der mit ihm aus ganz frühen Tagen verbunden ist, wenig Raum, um seine unwiderstehliche Mischung aus Charme und Dämonie aufzufächern. Insgesamt ist es trotzdem überzeugend, wie hier erneut tief in die Psyche des Helden geblickt wird, in Bonds verdrängte Kindheit zumal.

Die Produzenten haben verstanden, dass die Figur des Superagenten heute nicht nur mit leisen ironischen Filmzitaten, sondern auch mit einem differenzierten Seelenleben angereichert werden muss. Das gibt ihm letztlich noch mehr Stärke und Sexappeal.

Genre: Action

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: !!!!:

Von Bettina Fraschke

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