Krasser Absturz: Kunstberater Achenbach vor Gericht

Er brachte große Kunst und großes Geld zusammen: Kunstberater Helge Achenbach im April 2014 in Düsseldorf neben seinem Bentley S1, den der Künstler Joseph Beuys zu Lebzeiten fuhr. Foto: dpa

Morgen beginnt im Essener Landgericht der Strafprozess gegen Helge Achenbach. Dem Kunstberater wird Betrug vorgeworfen.

Vermutlich hat sich Helge Achenbach in der Untersuchungshaft oft vorgestellt, dass er einfach in Brasilien hätte bleiben können. In Campo Bahia hatte der 62-Jährige das deutsche WM-Quartier mit Kunst ausgestattet. Als er am Tag nach Pfingsten in Düsseldorf landete, wartete die Polizei. Ihm drohen bis zu zehn Jahre Haft. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Fall, der ein beispielloser Absturz ist.

Was wird Achenbach vorgeworfen? 

Die Anklage lautet auf mehrfachen Betrug, Untreue in besonders schwerem Fall und Urkundenfälschung mit einem Gesamtschaden von 23 Mio. Euro. Den Stein ins Rollen brachte eine Anzeige der Witwe des 2012 mit nur 58 Jahren gestorbenen Aldi-Erben Berthold Albrecht, Sohn des Aldi-Gründers Theo Albrecht, dem Achenbach freundschaftlich verbunden gewesen war. Gleichzeitig soll er ihn übers Ohr gehauen haben. Achenbach habe ihm Oldtimer und Kunstwerke für gut 120 Mio. Euro vermittelt - und soll bei 14 Kunstgeschäften und neun Oldtimer-Deals Rechnungen gefälscht und Einkaufspreise nach oben frisiert haben. Beim Ankauf eines einzigen Oldtimers soll er Albrecht sogar um fast drei Millionen Euro betrogen haben. Dabei hatte der Aldi-Erbe mehr für alte Autos übrig als für Kunst: 72,7 Millionen Euro gab er demnach für Oldtimer und 48 Millionen Euro für Kunstwerke aus. Für Kunstwerke sei für Achenbach eine Provision von fünf Prozent und für Oldtimer eine von drei Prozent vereinbart gewesen.

Ein von der Albrecht-Familie angestrengter Zivilprozess läuft bereits. Hier geht es um 19,4 Mio. Euro Schadensersatz.

Ist nur die Albrecht-Familie geschädigt? 

Nein, Achenbach soll über die Kunstberatungsfirma Berenberg Art Advice weitere Kunden nach ähnlichem Muster um 1,8 Mio. Euro betrogen haben, indem er Einkaufspreise und -rechnungen zu seinen Gunsten nach oben manipulierte - indem er zum Beispiel aus Dollar-Beträgen Euro-Beträge machte -, um damit auch höhere Provisionen zu kassieren.

Die Privatbank Berenberg hat ihre Kunstberatungssparte inzwischen aufgelöst und sich von Achenbach getrennt, nachdem Unregelmäßigkeiten bei den Geschäften mit dem Pharma-Unternehmer Christian Boehringer aufgeflogen waren. Achenbach hatte Boehringer daraufhin entschädigt.

Mit auf der Anklagebank sitzt Achenbachs Geschäftspartner bei Art Advice, Stefan H. Er soll zusammen mit Achenbach wissentlich an Geschäften mitgewirkt haben, bei denen Geldanlegern höhere Einkaufspreise vorgegaukelt worden seien als die tatsächlichen Auslagen.

Ein Ermittlungsverfahren, das durch eine Anzeige der Unternehmerbrüder Viehof aus Mönchengladbach in Gang kam, wurde vom Essener Verfahren abgetrennt. Auch die private Kunstsammlung „Rheingold“ einer Stiftung mehrerer Unternehmerfamilien, an der Achenbach beteiligt ist, erstattete Anzeige gegen ihren Ex-Geschäftsführer: Anfang des Jahres soll Achenbach 485.000 Euro von Konten der Stiftung auf seine Konten abgezweigt haben.

Was sagen Achenbachs Anwälte? 

Die Verteidigung weist alle Vorwürfe zurück. Danach hat Achenbach für die meisten Objekte langfristige Rückkaufgarantien gegeben, sofern die Wertentwicklung nicht wie angenommen erfolgt. Dieses Risiko sei neben der Provision mit einem „individuellen Aufschlag“ vergütet worden. Dafür habe es mit Berthold Albrecht mündlich einen Ermessensspielraum für Aufschläge auf die Verkaufsobjekte gegeben.

Das Vermögen Achenbachs und seine Konten sind wegen möglicher Schadensersatzforderungen seit seiner Verhaftung im Juni eingefroren. Achenbachs Ehefrau als Klägerin fordert mit der Begründung, sie sei die alleinige Eigentümerin, vier gesperrte Kunstwerke im Gesamtwert von 530 000 Euro zurück: zwei Bilder von Günther Uecker und dem Düsseldorfer Künstler Thomas Schönauer sowie zwei Tonköpfe.

Was machen Achenbachs Geschäfte, da der Kunstberater in Haft sitzt?

Die in einem komplizierten Firmengeflecht verschachtelten Achenbach-Unternehmungen sind pleite. Betroffen sind 25 Angestellte. Durch gerichtliche Verfügungen sind Konten gepfändet und Vermögenswerte blockiert. 2000 Kunstwerke - die 70 wertvollsten von Gerhard Richter, Peter Doig, Andreas Gursky, Thomas Struth und Jörg Immendorff im Februar in London, der Rest in deutschen Auktionshäusern, sowie zwei Oldtimer - sollen versteigert werden, kündigte Insolvenzverwalter Marc d’Avoine an. „Wir wollen sie nicht verhökern“, versichert er. Insgesamt erhoffe man daraus einen Erlös von rund 6 Mio. Euro sowie bis zu 900.000 Euro aus der Versteigerung der Oldtimer. Dem stünden Forderungen in Höhe von 40 bis 50 Mio. Euro von rund 100 Gläubigern gegenüber.

Was unterscheidet eigentlich einen Kunstberater von Galeristen?

Die Grenzen zwischen „Kunstberater“, „Art Advisor“ oder „Art Consultant“ und Handel sind fließend. Das bekannte Achenbach in seiner 2013 erschienenen Autobiografie „Der Kunstanstifter - vom Sammeln und Jagen“ selbst: „Plötzlich war ich nicht mehr nur der Kunstberater Helge Achenbach, sondern ich agierte wie ein Kunsthändler.“

Offenherzig erzählt Achenbach darin, wie Banken seine Kunstprojekte mit Millionenbeträgen finanzierten. Er kaufte Kunst für seine Kunden, erstand aber auch bedeutende Sammlungen, die er teilweise weitervermittelte oder mit denen er ein eigenes Kunstlager aufbaute. Achenbach sah sich als „Vernetzer“ mit engen Kontakten zu Künstlern, Sammlern, Unternehmern und Museumsdirektoren.

Galerien fördern Künstler, wollen sie bekanntmachen, ihnen Ausstellungen in ihren Verkaufsräumen und auf Messen ermöglichen und tragen damit auch ein Erfolgsrisiko. Ein Kunstberater pickt sicher eher Rosinen heraus, vermittelt beispielsweise in Galerien vertretene Künstler an Firmensammlungen. „Kunstberater erreichen Kunden, an die ich nicht herankommen würde“, sagt der Düsseldorfer Galerist Rupert Pfab. Auch Auktionshäuser halten Kunstberater für eine wichtige Instanz, die Kunden „an die Hand nehmen“, wie Robert Ketterer vom gleichnamigen Münchner Auktionshaus betont.

Was sagt der Fall Achenbach über den Kunstmarkt aus? 

Der Fall Achenbach steht durchaus exemplarisch für die Gier und Intransparenz auf einem überhitzten, unregulierten Kunstmarkt, auf dem Preise in schwindelnde Höhe getrieben werden. Achenbach hatte beispielsweise früh auf Gerhard Richter gesetzt und Ende der 70er-Jahre einen Richter für damals 30.000 Mark an die New Yorker Niederlassung der Hessischen Landesbank vermittelt. Heute liegt der Wert des Bildes im zweistelligen Millionenbereich. Richter (82), der zurzeit bei reichen Käufern weltweit beliebteste Künstler, empfindet es selbst als als „unerträglich und pervers“, dass solche „Unsummen“ für seine Werke bezahlt werden. Der langjährige Leiter der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden, Martin Roth, sagt in der „Zeit“: „Das Geschäft ist schmutzig geworden, richtig schmutzig.“

Zur Person

„Hans im Glück“ hat sich der 1952 im Kreis Siegen geborene Helge Achenbach noch vor zwei Jahren genannt. In seiner Autobiografie bezeichnete sich der Alt-68er, ehemalige Student der Sozialarbeit und Ex-Asta-Vorsitzender als „Kunstanstifter“. Der mit Künstlern, Managern, Schauspielern und Sportlern bestens vernetzte Tausendsassa der rheinischen Kunstszene beriet Banken, Versicherungen, Unternehmen, aber auch reiche Privatleute beim Kauf von Kunst und dem Aufbau von Sammlungen. Achenbach pflegt mit namhaften Künstlern wie Gerhard Richter, Günther Uecker oder Andreas Gursky freundschaftliche Beziehungen. Viele fielen aus allen Wolken, als die Betrugsvorwürfe bekannt wurden. Richter kommentierte Achenbachs Verhaftung: „Ein Filou war er immer schon.“ Achenbach fädelte auch eine Kooperation zwischen Volkswagen und dem Museum of Modern Art in New York ein - gefeiert wurde 2011 mit Top-Prominenz wie Madonna, Jeff Loons, Courtney Love und Yoko Ono. In Düsseldorf betreibt der Ex-Präsident der Fortuna die Szene-Restaurants „Monkey’s“ - benannt nach den Affenskulpturen seines 2007 gestorbenen Freundes Jörg Immendorff und mit futuristischen Videokronleuchter und echten Gursky-Fotografien im Flur vor der Toilette. Diese hat der Insolvenzverwalter aufgenommen. Ziel sei die „sachgerechte Vermarktung zu angemessenen Bedingungen“. Achenbach ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sohn Benjamin arbeitet in einer seiner Beratungsfirmen mit. Vor Gericht vertreten wird er durch die Kanzlei von Promi-Anwalt Sven Thomas. Der 66-Jährige vertrat zuletzt den Formel-1-Boss Bernie Ecclestone im Münchner Schmiergeldprozess, der gegen ein Rekordbußgeld von 100 Millionen Dollar eingestellt wurde. (vbs/dpa)

Von Mark-Christian von Busse

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