Zum Kreischen: Der unglaubliche Erfolg der Internetseite Heftig.co

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Je absurder die Überschrift, desto besser: So sieht das Erfolgsmodell der Internetseite Heftig.co aus, die gerade Facebook erobert. Der Betreiber dahinter nennt sich Sven Heftig, das Foto in seinem Facebook-Profil (rechts) stammt aus einem Modekatalog. Wer er wirklich ist, weiß niemand.

Es ist als Internet-User schwer, nicht auf Artikel zu klicken, die so angerissen werden, wie es die Macher der Seite Heftig.co tun. Die Überschriften lauten: „Was diese Kühe tun, nachdem sie vor dem Schlachter gerettet werden, ist unbeschreiblich.“ Oder: „Dieser Vater zeigt eine überraschende Reaktion, als seine Tochter ihm ein Geständnis macht.“

Im ersten Fall zeigt ein Video, wie Kühe auf der Weide rumtollen wie kleine Kinder. Die zweite Schlagzeile führt zu einem Clip, in dem ein Mann von seiner Tochter erfährt, dass er bald Opa wird: Er weint, die User bekommen ebenfalls feuchte Augen.

Bei Facebook werden die kuriosen Artikelchen gerade millionenfach geteilt, so dass Experten eine „kleine Medien-Revolution“ ausrufen, wie der Düsseldorfer Blogger Jens Schröder schreibt, der die Social-Media-News-Charts-Seite 10 000 Flies betreibt. Dort wird gemessen, welche Nachrichten nicht nur geklickt, sondern auch gelesen werden, weil sie die User bei Facebook, Twitter und Google+ teilen.

Der Betreiber nennt sich Sven Heftig, das Foto in seinem Facebook-Profil stammt aus einem Modekatalog. Wer er wirklich ist, weiß niemand.

In der April-Hitliste eroberte die erst im Dezember an den Start gegangene Heftig-Seite mit mehr als 1,8 Millionen Reaktionen Platz eins und ließ selbst arrivierte Netzmedien wie Spiegel Online, Bild.de und Focus.de hinter sich. Bei Facebook hat Heftig bereits mehr als 500 000 Fans, jeden Tag kommt eine fünfstellige Zahl hinzu. Auch die in der Schweiz beheimateten Seiten LikeMag und Storyfilter.com erobern die Netzwerke. „Eine neue Art von Medien übernimmt die Macht“, meint Schröder.

Mit Journalismus haben Heftig und Co. nicht viel zu tun. Mit ihren absurden Überschriften kopieren sie das Erfolgsmodell von US-Seiten wie Buzzfeed und Upworthy, deren Artikel die Emotionen der User ansprechen und nur darauf ausgelegt sind, geteilt zu werden. Es geht ums Heulen sowie Kreischen und nervt oft nur.

Einer der erfolgreichsten Heftig-Artikel im April trug den Titel „Die 5 häufigsten Dinge, die sterbende Menschen bereuen“. Sie stammen aus einem Buch einer australischen Krankenschwester, die Todkranke begleitete. Bereits im Februar 2012 berichteten Medien wie der britische „Guardian“ und „Die Welt“ groß darüber. Vorigen Sommer tauchte die Geschichte noch einmal auf der US-Seite viralnova.com auf, wo sich die Heftig-Macher offensichtlich gern bedienen.

Wer hinter der deutschen Seite steht, ist unklar. Der Medienjournalist Lars Wienand von der „Rhein-Zeitung“ hat herausgefunden, dass die Seite über einen Dienst aus Panama registriert wurde, die Firma dahinter hat ihren Sitz im Karibikstaat Belize, die Länderkennung steht für Kolumbien.

Der Administrator der Facebook-Seite nennt sich Sven Heftig, gibt dort aber keine Infos preis. Wahrscheinlich gibt es ihn gar nicht. Sein Profilbild wurde aus einem Modekatalog hochgeladen. Das ist alles ganz schön heftig.

Von Matthias Lohr

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