Im Kreislauf des Lebens: „Smokefall“ am Kasseler Staatstheater

Die Dinge geraten ins Rutschen, und die Bühne kippt nach vorn: Christian Ehrich (links) und Jürgen Wink als Vater und Sohn. Fotos: Klinger

Kassel. Eine Kulisse wie in einer Sitcom aus den USA: Sofa, Tisch, Treppe, die Türen für Auftritte und Abgänge. Noah Haidles Stück „Smokefall“, das Freitagabend im Kasseler Staatstheater als deutsche Erstaufführung von Intendant Thomas Bockelmann inszeniert und gefeiert wurde, bietet im ersten Akt jedoch weniger TV-gerechtes Pointen-Pingpong als lähmenden Stillstand.

Eine Familie im ewigen Alltag gefangen, wie der demente Opa, hochdekorierter Offizier (Jürgen Wink), Puzzleteile zum Zeittotschlagen und Bruchstücke seines Gedächtnisses täglich neu zusammensetzt. Christian Ehrich kommentiert und korrigiert als Erzähler in Fußnoten, was wir sehen: Die Tochter des Soldaten, Violet (anrührend in ihrer Überforderung: Christina Weiser), erwartet Zwillinge. Beauty, ihr 16-jähriges Kind (Eva Maria Sommersberg), hat sich vollends zurückgezogen, spricht nicht mehr, legt ein höchst unübliches Essverhalten an den Tag. Ihr Mann Daniel (Bernd Hölscher) wird die Familie verlassen, nach Westen ziehen, immer weiter nach Westen. Dieser uramerikanische Traum vom Glück.

Im Lauf der eindreiviertel Stunden kommen die Dinge also ins Rutschen - wie die von Etienne Pluss eingerichtete, langsam nach vorn kippende Bühne. Jede Sicherheit gerät ins Wanken. Aber an ihren Wurzeln hängen die Figuren fest wie Föten an der Nabelschnur.

Denn als man gerade überlegt, wie aus der Anfangsszenerie eine Handlung in Gang kommen soll, springt das Stück – einer von mehreren plötzlichen Brüchen – in Violets Uterus. Die Zwillinge streiten darüber, was sie draußen erwartet. Der rasante Dialog zwischen Fötus eins, einem Schisser (Hölscher), und dem optimistischen Fötus zwei (Ehrich) ist witzig, sie spielen Schnick, Schnack, Schnuck und werfen mit philosophischen Schlagworten: Unausweichlichkeit des Todes, Erbsünde, Begehren, Vorherbestimmung, Vergehen der Zeit: Der Titel „Smokefall“ entstammt einem T.-S.-Eliot-Gedicht über das, was bleibt, wenn die Nebelschwaden der Zeit sich gesenkt haben.

Im dritten Teil sind alle Zeitebenen gesprengt. Wink, der Colonel vom Anfang, ist Zwilling Johnny als alter Mann, Christian Ehrich dessen Sohn. Johnnys Schwester (Sommersberg) kehrt nach Jahrzehnten zurück, völlig unverändert. Sie ist nie damit fertig geworden, dass der Vater sie verlassen hat.

Die Schauspieler sind allesamt großartig. Ehrich, neu in Kassel, bereichert das Ensemble. Wink ist besonders brillant im breiten Spektrum vom eisigen Offizier zum unbeherrschten, zerstreuten Alten.

Autor Haidle, dessen „Lucky Happiness Golden Express“ am 1. November wiederaufgenommen wird, mischt märchenhafte Elemente in sein intelligentes, komisches, tieftrauriges Stück. Der Ton ist direkt, illusionslos. In Rückblenden werden Varianten der ersten Verabredung von Violet und Daniel durchgespielt, als wär’s ein Drama von Max Frisch: Alles hätte anders werden können. Aber jeder wird irgendwo hineingeboren, von diesen Prägungen kommt niemand los.

Im Kreislauf des Lebens müssen wir Halt finden. Ruhe und Frieden, wie sie Daniel erträumt, sind immer anderswo. Vielleicht ist Glück, wie für den alten Johnny, eine Aufgabe: Er liebt und pflegt den Apfelbaum, der bis ins Haus wuchert. Mehr ist vom Leben nicht zu erwarten.

Nächste Termine: 11., 12., 22., 25., 29.10., www.staatstheater-kassel.de, Tel. 0561/ 1094-222. Theatertagung zu „Smokefall“: 27.2. bis 1.3. 2015, Ev. Akademie Hofgeismar, Tel. 05671/881-0, www.akademie-hofgeismar.de

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