Kriminalexperte Michael Böhl über das Organisierte Verbrechen in Deutschland

Nicht zimperlich: Die Russenmafia schreckt vor Gewalt nicht zurück. Die Organisation ist in Menschenhandel und Zwangsprostitution verwickelt. Im Bild ist eine Szene aus der kürzlich bei Arte gezeigten Krimiserie „Im Angesicht des Verbrechens“ von Regisseur Dominik Graf zu sehen, in der Zuhälter Kolya (Sascha Gersak) seine Prostituierte Jelena (Alina Levshin) bedroht. Foto: ARD/ Julia v. Vietinghoff

Kassel. Im Interview sprachen wir mit dem Kriminalexperten Michael Böhl über das Organisierte Verbrechen in Deutschland. Anlass ist die bei Arte gezeigten Krimiserie „Im Angesicht des Verbrechens“ von Regisseur Dominik Graf.

Die Russenmafia sorgte zuletzt immer wieder für Schlagzeilen. Wie konkret ist die Bedrohung?

Die Russenmafia sorgte zuletzt immer wieder für Schlagzeilen. Wie konkret ist die Bedrohung?

Michael Böhl: Die Russenmafia ist auf dem Vormarsch, sie hat in Deutschland Strukturen aufgebaut. Die organisierte Kriminalität insgesamt wächst auf hohem Niveau. Ich weiß nicht, ob dieser Staat noch in der Lage ist, sie mit den zur Verfügung stehenden Rechtsmitteln einzudämmen. Mit dem Verbot der Vorratsdatenspeicherung wurden unsere Ermittler zurückgeworfen.

Auf welchen Feldern ist die Russenmafia aktiv?

Böhl: Bei Eigentumsdelikten und Zwangsprostitution ist die Russenmafia gut im Geschäft. Es gibt einen dramatischen Anstieg an Minderjährigen, die zur Prostitution gezwungen werden. Besonders häufig werden derzeit Rumäninnen und Bulgarinnen Opfer von Menschenhandel.

Wann wurde die Russenmafia zum Problem?

Böhl: Mit dem Wegfall der Grenzen. Zu Beginn wurden teure Fahrzeuge gestohlen und in den Osten verfrachtet. Damals lief der Abtransport über russische Militärflugzeuge – wer dort in Russland die Fäden gezogen hat, wissen wir bis heute nicht.

Was unterscheidet die russische Mafia-Variante vom italienischen Original?

Böhl: Die Russenmafia basiert nicht auf einer statischen Hierarchie, die Machtpositionen variieren ständig. Es sind familiäre Zellen – wenn Familie A für den Transport zuständig ist, kümmert sich Familie B um den Umsatz. Auch Personen aus dem früheren sowjetischen Polizei- und Militärapparat gehören dazu. Es sind konkurrierende Banden, die aber als Ganzes zusammengeschlossen sind.

Wie schwer ist es für die Polizei, gegen eine solche Organisation vorzugehen?

Böhl: Da es eben keine verlässliche Struktur gibt, die man mit genügend Personal und Mitteln zerschlagen könnte, ist die Arbeit sehr schwer. Zudem haben verdeckte Ermittler Probleme, in diese Zirkel hineinzukommen und sie zu verstehen.

Wie stellt es die Russenmafia denn an, dass ihre Straftaten nicht auffliegen?

Böhl: Nach dem Mauerfall reisten viele Deutschstämmige aus dem Ost-Block ein und eröffneten legale Gewerbebetriebe. Diese bieten nun teilweise die Fassaden für die Kriminalität. Russische Banden kaufen sich in diese Firmen ein und wickeln darüber ihre Geschäfte ab. Ich möchte aber betonen, dass der Großteil der Russlanddeutschen keine kriminellen Ambitionen hat.

Ist es nicht möglich, durch gefasste Mitglieder mehr über die Organisation zu erfahren?

Böhl: Die Russenmafia kümmert sich um ihre Leute. Wer von der Polizei erwischt wird, weiß, er ist mit dem Besten versorgt: Spitzenanwälte und die Familie ist während der Zeit im Knast finanziell abgesichert. Deswegen sitzen die Täter ihre Zeit locker ab und machen danach weiter. Auch die Opfer packen nicht aus. Junge Frauen werden nach Deutschland gelockt und hier unter Androhung von Repressalien zur Prostitution gezwungen. Sie sagen nichts, weil sie Angst um ihre Familie in der Heimat haben.

Was ist nötig, um der Mafia das Handwerk zu legen?

Böhl: Wir haben gefasste Mafia-Mitglieder gefragt, warum sie bei uns und nicht anderswo aktiv sind. Sie antworteten uns: Weil es in Deutschland am leichtesten ist – die Gesetze sind gut für uns.

Sie meinen, wir brauchen schärfere Gesetze?

Böhl: Russische Kriminelle beherrschen die Möglichkeiten des Internets. Sie kaufen das Neueste vom Markt und der Markt entwickelt es für sie. Weil die Täter über moderne Kommunikationskanäle operieren, brauchen wir Möglichkeiten, da rein zu gehen – sprich Vorratsdatenspeicherung und Onlineüberwachung. Zudem sind mehr Polizisten mit Migrationshintergrund nötig, die mit Sprache und Kultur der Täterkreise vertraut sind. Wenn der Gesetzgeber zusätzlich härtere Strafen oder Aufenthaltsverbote für unser Land ermöglicht, kommen wir in zehn Jahren langsam zum Ziel.

Das klingt nicht optimistisch.

Böhl: Es ist die Realität. Ich ärgere mich über das Bild, was im Fernsehen von der Polizei vermittelt wird und auf das viele Leute vertrauen. Sie glauben, die Polizei könne Kriminalität in der gezeigten Form bekämpfen. Ich sage, sie kann es nicht. Die Täter sind uns immer drei, vier Schritte voraus.

Von Bastian Ludwig

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.