Kritik zum "Tatort" aus Dortmund: Freier Fall

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Zuschauern mit Höhenangst konnte im guten Dortmunder „Tatort” leicht schwindlig werden. Es ging um Base-Jumper, die sich von Gebäuden in die Tiefe stürzen, aber auch um große Fragen.

In seinem sechsten Dortmunder „Tatort” ist Peter Faber (Jörg Hartmann) fast ein ganz normaler Kommissar geworden. Bislang fiel der depressive Ermittler etwa dadurch auf, dass er seinen Schreibtisch kaputthaute und seine Kollegin stalkte. In der neuen Folge dagegen spielte er nachts Tennis - wenn auch nicht gegen einen Menschen, sondern gegen eine Ballmaschine.

Für die Grenzüberschreitungen in dem wie immer sehr guten WDR-„Tatort” waren seine Kollegen verantwortlich: Martina Bönisch (Anna Schudt) war eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, die ihren vermissten Sohn suchte. Und Nora Dalay (Aylin Tezel) sowie Daniel Kossik (Stefan Konarske) versuchten weiterhin vergeblich, darüber hinwegzukommen, dass sie ihr gemeinsames Kind abgetrieben hat.

Jeder der vier Kommissare war im freien Fall - wie auch der Fallschirmspringer und Base-Jumper, dessen Tod die Polizisten aufklären mussten. Für den Familienvater bedeuteten die illegalen Sprünge vom stillgelegten Hochofen Phoenix eine Flucht aus dem Alltag, von dem er sich überfordert fühlte. Regisseur Züli Aladag und Drehbuchautor Ben Braeunlich erzählten also nur vordergründig vom Extremsport. Es ging vielmehr um die Frage, wie viel Freiheit wir uns auf der Suche nach unserer Identität erlauben können. Braeunlich gelang es dabei, die in den ersten fünf Folgen von Jürgen Werner entworfenen Figuren weiterzuentwickeln.

Der Psycho Faber, der Frau und Tochter bei einem Verkehrsunfall verloren hat, wurde sogar zum väterlichen Freund der Opferfamilie. Auf die Frage der Witwe, ob die Leere irgendwann aufhöre, sagte er: „Nein, aber man lernt, damit zu leben.”

Es bleibt spannend, ob die Gesundung des Kommissars anhält, der selbst im Sommer in geschlossenen Räumen seinen Parka nicht auszieht. Für Zuschauer mit Höhenangst war dieser „Tatort” mit seinen spektakulären Blicken in die Tiefe jedenfalls keine schlechte Therapie.

Wissenswertes

Wo wurde gedreht? Wie auch schon im vorletzten „Tatort” aus Dortmund („Hydra”, Erstausstrahlung im Januar) spielte der stillgelegte Hochofen Phoenix im Stadtteil Hörde eine Hauptrolle. Gesprungen wurde aber nicht von der Spitze des Hochofens, sondern von einem 80 Meter hohen Kran. Der ebenso spektakuläre Wassersprung wurde an der Urfttalsperre im Eifel-Nationalpark gedreht.

Was ist eigentlich Base-Jumping? Anders als beim Fallschirmspringen stürzen sich die Sportler nicht aus dem Flugzeug, sondern von Gebäuden (Buildings), Sendemasten (Antennas), Brücken (Spans) sowie Klippen und Felsen (Earth). Die Anfangsbuchstaben der englischen Begriffe ergeben das Wort Base. Legal ist das in Deutschland nur, wenn die Eigentümer des Gebäudes und der Landefläche schriftlich zustimmen.

Ist Schauspielerin Aylin Tezel selbst gesprungen? Nein, die 31-Jährige leidet unter Höhenangst und wurde gedoubelt.

War „Schwerelos” der erste „Tatort”, den „Lindenstraßen”-Erfinder Hans W. Geißendörfer produziert hat? Ja. Der Filmemacher wollte eigentlich schon vor 30 Jahren einen „Tatort” produzieren - noch vor der ersten „Lindenstraßen”-Folge. Geißendörfer musste erst 74 werden, bevor sein Wunsch Wirklichkeit wurde.

Kann man mit Tennisbällen wirklich Autos knacken, wie Faber es gemacht hat? Ja, aber nur bei älteren Modellen, deren Zentralverriegelung mit Unterdruck gesteuert wird. Mit einem Loch im Ball kann man dann einen Unterdruck im Schloss erzeugen und es so öffnen. Vor zwei Wochen hatte übrigens bereits Armin Rohde im „Kölner” Tatort ein Auto per Tennisball aufgebrochen. Seit Mitte der 90er werden in Neuwagen nur noch elektronische Zentralverriegelungen eingebaut, bei denen der Trick nicht funktioniert. In Nordrhein-Westfalen scheint es ganz schön viele alte Autos zu geben.

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