Kritik zum Tatort: Realitätsfernes Vergnügen

Für HNA-Kulturredakteurin Bettina Fraschke war der Schweiger-"Tatort: Der große Schmerz" ein spannendes Sehvergnügen - jedoch nicht mit der Realität abzugleichen.

Einen Plausibilitäts-Abgleich für die Handlung und erst recht einen Realitäts-Check für die Arbeit von Ermittlungsbehörden durfte man hier, im „Tatort: Der große Schmerz“, eher nicht machen.

Nicht bei der extremen Ausgangssituation, wo ein LKA-Typ ganz allein gegen den allmächtigen Kopf der organisierten Kriminalität kämpfte, und wo es der Desperado aus dem Staatsdienst (fast) schaffte, den meistgesuchten Verbrecher der Stadt vorbei an zig Beamten und an zig Gefolgsleuten des Schurken zu entführen und seinen persönlichen Rachefeldzug durchzuziehen.

Aber auch nicht dann, wenn man eine konkrete Szene unter die Lupe nahm. Zum Beispiel die, wo derselbe Beamte mitten im Einsatz mit gezückter Waffe am Tatort stand, umgeben von Kollegen und Prostituierten, deren Bordell gerade ausgehoben wurde. Und er telefoniert besorgt mit seinem Teenager-Töchterchen, weil die beim Herrn Freund übernachten will.

Gängige „Tatort“-Regeln für Realitätsnähe oder dafür, ein (Seelen-)Abbild der bundesrepublikanischen Gesellschaft zu zeichnen, waren beim ersten Teil des NDR-Mega-Spektakels mit Til Schweiger als LKA-Mann Nick Tschiller, außer Kraft gesetzt.

Christoph Darnstädt (Buch) und Christian Alvart (Regie) hauten stattdessen immer feste auf den Schlick und inszenierten einen rasanten Thriller um einen Mann, bei dem jegliche Vernunft außer Kraft gesetzt war, weil die zwei wichtigsten Frauen in seinem Leben von einem Fiesling entführt worden waren. Til Schweiger passt in diese Figur genau, füllte die Extrem-Emotionen Raserei und Verzweiflung schlüssig aus.

Wie Tschillers Bewegungsräume immer enger wurden, wie er sich doch freikämpfte, wie die Frauen in Geiselhaft zu überleben versuchten, wie Tschillers Kollege Yalcin Gümer (Fahri Yardim) loyal und zugleich zunehmend verzweifelt versuchte, den wie eine Flipperkugel herumschießenden Kompagnon einzufangen – das bereitete dann aber durchaus viel Sehvergnügen. Die Spannung packte einen.

Yardim sorgte für die nötigen komischen Momente - toll wie Gümer vor dem Toilettenspiegel seine Aussagen probte. Ach so: Schlagerstar Helene Fischer in der Rolle als wortkarge russische Rächerin Leyla blieb wenig erwähnenswert und blass – trotz der filzstiftgrünen Kontaktlinsen.

Die Ermittler-Teams beim Tatort

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.