„Der frühe Dürer“ im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg

Hiob auf dem Misthaufen, linker Außenflügel des so genannten Jabach-Altars (um 1503/1505). Foto: Städel Museum

Nürnberg. Kommt es? Kommt es nicht? Ein Bild hielt die Gemüter in Atem. Wochenlang gab es Streit. Die Nürnberger begehrten. Die Münchner blockten.

Das „Selbstbildnis im Pelzrock“ von 1500, so berühmt wie sein Urheber, Albrecht Dürer, bleibt in der Alten Pinakothek in München. Nicht transportfähig. Das galt auch für die Selbstporträts aus Madrid und dem Louvre. Also hat man sie wenigstens reproduziert.

Aber sonst ist im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg alles echt, zum Beispiel die hinreißend gekleideten Musikanten vom Jabach-Altar, der Pfeifer vorwiegend in Grün und Gold, der Trommler in Rot und Braun. Ist auch der Trommler mit den Korkenzieherlocken ein Selbstbildnis Dürers? Es bleibt umstritten. Aber die Haare und der Bart sind schon sehr ähnlich.

Wenigstens ist das „Selbstbildnis“ von 1484 gesichert, es zeigt den 13-Jährigen. Es ist das früheste der frühen Dürer-Werke. Auch die Ausstellung heißt so. Doch was heißt schon früh? Ist der frühe Dürer der unreife? Eher der suchende. Die Frühzeit endet 1505, als Dürer sich nach Italien begeben hat, zu neuen Ufern.

Vorher malte er 1490 seine Eltern. Zwei Bildnisse, eines aus Florenz, das andere aus Nürnberg, die, weil sie sonst nie zusammen hängen, überraschend familiäre Vertrautheit verströmen. Sie weisen Dürer - er ist keine 20 - als Profi aus, der nicht nur „fotografieren“ konnte, sondern Gesichter malte, als führe er ein seelisches Stempelkissen mit sich.

Dennoch war Dürer ein Künstler, der auch den Zirkel und das Lineal liebte - anders als sein großer Gegenspieler Grünewald, der in der Nürnberger Ausstellung mitgedacht werden muss. Dürer war Mathematiker, Grünewald ein Easy Rider. Dürer suchte Vollendung, Grünewald das Risiko.

Von geradezu samtener Schönheit ist Dürers „Haller-Madonna“ aus Washington (um 1498). Schön, aber auch vornehm-distanziert, klassisch-kühl, von einer Noblesse wie bei Bellini, dem venezianischen Meister der Renaissance. Wenn nicht das Jesuskind wäre, das neckisch sein Bein anwinkelt, den Zeh abspreizt, einen Apfel verbirgt, die Mutter mit seinem Patschhändchen an ihrer Brust antippt.

Die Ausstellung gönnt keine Pause. Tafelbilder, Aquarelle, Zeichnungen, Drucke: 197 Werke, 120 allein von Dürer. Auch sein Umfeld wird gründlich ausgeleuchtet. Dürer arbeitete gegen den Verschleiß des Lebens an. Der Knaller schlechthin: die Holzschnitte der Apokalypse von 1498. Mit Wucht brechen die vier Reiter über die Betrachter herein.

Wie hat Dürer das alles nur fertiggebracht? Wie arbeitete der Meister? Die Nürnberger sind den Bildern per Infrarotreflektografie und Röntgenfluoreszenzanalyse auf den Grund gegangen. Da wird manches Geheimnis gelüftet, etwa dass Dürer an der Staffelei etwas ausprobiert, verworfen und neu angesetzt hat. Zugleich verflüchtigt sich der Zauber. Man lernt viel über Farbschichten, Alter des Holzes, chemische Zusammensetzung. Doch Freude bemisst sich nicht nach der Wirkkraft von Röntgenstrahlen. Das Geheimnis von Kunst erlebt man nicht hinter, sondern vor den Bildern. Deshalb sollte man schleunigst nach Nürnberg fahren.

Bis 2.9., www.gnm.de, Katalog 34,50 Euro.

Von Wolfgang Minaty

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