Zwischen Fischland und kurischer Nehrung

Wie die Ostsee Künstler der Moderne inspirierte 

„Paddel-Petermannchen“: Spitzname von Lovis Corinths Frau Charlotte (Ausschnitt).

Schwerin. Eine magische Wirkung übte die Ostseeküste auf die Künstler der Moderne aus. Überwältigend nennt Antonia Napp vom Staatlichen Museum Schwerin das Material, das sie bei ihrer Suche für die Ausstellung "Sommergäste" zu Sommeraufenthalten vieler Maler der Moderne entdeckt hat.

108 Exponate - viele davon Leihgaben aus Privatbesitz - hat Kuratorin Kornelia Röder ausgewählt, 77 Gemälde, Zeichnungen sowie Skizzen- und Notizbücher, Druckgrafiken, Fotografien, Skulpturen: „Wir waren erstaunt, welche Fülle zutage trat“, sagt Napp. „Wir können es gar nicht in seiner ganzen Breite zeigen.“

Von vielen Künstlern war bekannt, dass sie durch die Landschaft zwischen Fischland und Kurischer Nehrung Impulse erhielten. Die Ausstellung „Sommergäste“ ist aber der erste repräsentative Überblick über Werke der Klassischen Moderne, die an der mecklenburgischen und pommerschen Küste entstanden. Anlass ist der 100. Jahrestag eines Aufenthalts von Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky in Prerow auf dem Darß. Dort entwickelten sie ihre Malerei in starken, glühenden Farben Richtung Abstraktion.

Breites Spektrum

Die Schau umfasst ein großes Spektrum an Stilen - vom Impressionisten Lovis Corinth, der von 1909 bis 1917 immer wieder im Badeort Nienhagen weilte, bis zu den Inseln als Rückzugsort von verfemten Künstlern in der Nazi-Zeit, etwa Willy Jaeckel und Ernst Wilhelm Nay. Dada-Künstler wie Hans Arp und Sophie Taueber-Arp, Kurt Schwitters und Hannah Höch waren Anfang der 20er zu Gast auf Rügen. Brücke-Künstler wie Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff zog es nach Hiddensee. Auch Paul Klee war dort, wie Kuratorin Röder anhand der unveröffentlichten Erinnerungen von Klees Frau Lily herausfand. Von ihm ist ein Aquarell zu sehen.

Eines der wichtigsten Bilder kommt aus Helsinki: „Badende Männer“ von Edvard Munch, das als Schlüsselwerk des Norwegers gilt. Es hatte 1907 einen Skandal verursacht - und der Badewärter in Warnemünde verlor seinen Posten, weil er nacktes Posieren am Strand gestattet hatte. Die Badeordnung sah Bekleidung vor, die bis zum Knie reichte - das Nacktbaden indes war ganz im Sinn der Reformbewegung der Zeit.

Allen Künstlern gemeinsam war, dass sie an der Ostsee, fern der lauten, sich schnell entwickelnden, als schmutzig geltenden Großstädte, Ursprünglichkeit und Ruhe fanden. Inspirierende Abgeschiedenheit als Gegenpol zu den turbulenten Metropolen, die Reisende noch heute nachempfinden können.

Service

Die Ausstellung „Sommergäste“ in den Kunstsammlungen Schwerin, Alter Garten 3 (nahe dem Schloss) läuft bis 23.10. Infos: Tel. 03 85/59 58 -100, www.museum-schwerin.de

Im Hirmer Verlag ist ein mehr als 300 Seiten umfassender Katalog erschienen: „Sommergäste. Von Arp bis Werefkin. Klassische Moderne in Mecklenburg und Pommern.“ Preis im Museum 29,50, im Buchhandel 39,90 Euro.

Hintergrund

Das Staatliche Museum Schwerin ist mit seinen Kunstsammlungen, Schlössern und Gärten in der Landeshauptstadt, in Güstrow und Ludwigslust das kunsthistorische Gedächtnis der über 1000-jährigen Geschichte von Mecklenburg-Vorpommern. Das Fundament der Sammlungen in den Residenzschlössern des mecklenburgischen Fürstenhauses stammt - ähnlich wie in Kassel - von kunstsinnigen Monarchen. Herzog Christian Ludwig II. (1683-1756) trug Werke der hochrangigsten holländischen und flämischen Maler des 17. und 18. Jahrhunderts zusammen, darunter Rubens, Rembrandt, Jan Breughel d.Ä. und Frans Hals.

Zu den Kostbarkeiten gehört die „Torwache“ von Carel Fabritius, der die Delfter Lichtmalerei begründete und nur 13 Gemälde hinterließ. „Unsere Mona Lisa“, sagt Sammlungsleiter Gero Seelig. Stolz ist man in Schwerin auch auf die größte Sammlung des Franzosen Jean-Baptiste Oudry, Hofmaler Ludwigs XV. - zur Serie riesiger exotischer Tiere, die er für den Königlichen Botanischen Garten Paris malte, zählt die von der Getty Stiftung restaurierte Nashorndame „Clara“. Weitere Epochen sind prominent vertreten, ob Romantik (mit C. D. Friedrichs „Winterlandschaft“), Klassische Moderne, Kunst des 20. Jahrhunderts (mit 89 Werken Marcel Duchamps) oder DDR-Kunst.

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