Künstler Sol Lyfond zeigt im Museum für Sepulkralkultur seine Arbeiten

Ende und Anfang: Sol Lyfond zeigt auch eine künstlerisch bearbeitete Simulation der Entstehung des Universums. Fotos: Sepulkralmuseum

Kassel. Zwei Liegen in einem Kubus aus Stoffbahnen, mitten im Kasseler Museum für Sepulkralkultur. Entspannt lässt sich hier ausruhen, der Blick kann zur Decke schweifen.

Von dort kommt bläuliches Licht: In einer sechs Minuten dauernden Videoprojektion läuft die Visualisierung der Entstehung zweier Galaxienhaufen - nach dem Urknall der größte und energiereichste Prozess im Weltall - quasi aus dem Nichts heraus ab, aus einer „Vakuumfluktuation“.

Die vom Kölner Künstler Sol Lyfond bearbeitete Simulation des Max-Planck-Instituts für Astrophysik in Garching ist eine der zentralen Arbeiten seiner gestern eröffneten, faszinierenden Ausstellung „endlich unendlich. Der Tod als kosmische Spur des Lebens“.

Lyfond bewegt sich im Spannungsfeld von Naturwissenschaften, Philosophie und Kunst. Von Astrophysikern, Meeresbiologen oder Gehirnforschern bekommt er Bilder und Videos, deren Symbolgehalt und ästhetischen Wert er erkundet: Eruptionen auf der Sonne, planetarischen Nebel, Gehirnzellen, Aufnahmen einer Tiefseequalle, die in 1500 Meter Tiefe und absoluter Dunkelheit eigenes Licht erzeugt, was wie ein kosmisches Geschehen, ein fernes Sonnensystem erscheint.

Auch sein eigenes Atelier verwandelt der 46-Jährige in ein Labor, indem er wie ein Alchemist experimentiert - mit brodelndem Wasser in Glaskolben, Eigelb oder Milchtropfen, die sich im Wasser verteilen.

Immer wieder entdeckt und entschlüsselt Lyfond Entsprechungen, Gegensätze und Symmetrien: Leere und Fülle, Höhe und Tiefe, Makro- und Mikrokosmos, Endlichkeit und Unendlichkeit. Lyfond sieht in all den biochemischen und physikalischen Prozessen einen Zyklus von Tod und Neugeburt: Nach der Explosion eines Sterns komprimieren sich aus Staub- und Nebelschwaden neue Strukturen, für die Gehirnentwicklung ist der Zelltod, das Absterben überflüssiger Nervenzellen, unerlässlich.

Die schönste Arbeit, die für das Prinzip von Sterben und Neubeginn, Werden und Vergehen steht, ist die neun Minuten dauernde Verwandlung eines Schmetterlings von der Raupe zum Falter. Während seiner Metamorphose ist er nur Zellschleim, hat er sich in der schützenden Verpuppung komplett aufgelöst, und wird doch in neuer Pracht als etwas vollkommen Anderes wiedergeboren - ein uraltes Symbol für die Auferstehung der Seele.

Auch für Lyfond entspricht diese Verwandlung einer Erfahrung der Psyche. Oft „entpuppe“ sich etwas durch eine existenzielle Todeserfahrung, mache die Erfahrung eines Mangels, einer Not oder Leerstelle Verwandlung möglich, gelinge durch einen inneren Tod der Aufbruch zu etwas Neuem: Tod als Ursprung für Veränderungen. Vielleicht verlässt man die Schau deshalb so merkwürdig getröstet: Lyfond findet anschauliche Bilder dafür, dass Neuanfänge möglich sind, dass der Tod nicht das absolute Ende sein muss.

Zur Person: Sol Lyfond

www.lyfond.de

Nach einigen Semestern hat der gebürtige Düsseldorfer Sol Lyfond (46) sein Medizinstudium in Aachen zugunsten seiner autodidaktischen künstlerischen Entwicklung abgebrochen. „Medizin war nicht mein Weg“, sagt Lyfond, auch weil er Heilung nicht als Reparatur von Defekten versteht, sondern als schöpferischen Prozess einer inneren Veränderung. Ein Interesse für Forschungen in den Naturwissenschaften hat Lyfond jedoch behalten - wobei er in seinen künstlerischen Arbeiten die vermeintlich objektiven Bilder und Vorstellungen der Wissenschaft immer auf ihre Urheberschaft und ihren ästhetischen Gehalt hin überprüft. Zur finanziellen Absicherung ist Lyfond, der mit Frau und Kind in Köln lebt, nach einer mehrjährigen Ausbildung als Psychotherapeut tätig. Lyfond hatte Einzelausstellungen im Rheinland und Westfalen, aber auch in Miami oder auf Mallorca.

Service zur Ausstellung

www.sepulkralmuseum.de

Die Ausstellung „endlich unendlich“ mit 21 Arbeiten von Sol Lyfond aus den Jahren 2003 bis 2011 - einige sind extra für diese Schau entstanden - ist bis zum 18. September im Museum für Sepulkralkultur, Weinbergstraße 25-27, zu sehen. Öffnungszeiten: Di-So 10-17, Mi 10-20 Uhr. Eintritt: 5/3,50 Euro. Mittwochs findet ab 18 Uhr eine öffentliche Führung statt. Es ist eine informative Begleitbroschüre erschienen. Informationen: Tel. 0561/918930.

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