Martin Mosebachs Roman „Was davor geschah“

Sie küssen und sie schlagen sich

Martin Mosebach

Die Konstruktion des neuen Romans von Martin Mosebach ist so einfach wie raffiniert: Der Ich-Erzähler, ein junger Bankangestellter Mitte 30, liegt im Bett mit seiner Freundin und wird von ihr gefragt: „Wie war das… als es mich noch nicht gab?“

Die Antwort schildert in 33 Kapiteln die Erlebnisse des Erzählers aus den letzten sechs Monaten in Frankfurt, beginnend mit einer Bahnfahrt, bei er sich in ein junges Mädchen verliebt, das auf den bemerkenswerten Namen Phoebe Hopsten hört.

Die junge Dame begegnet ihm wieder und wieder bei Besuchen, zu denen er an sommerlichen Sonntagen von der gutbürgerlichen Familie Hopsten eingeladen wird. Hier trifft er auf ein Ensemble skurriler Personen, Porträtskizzen, mit denen Mosebach auf listige wie ironische Weise die Fäden der Handlung zusammenführt. So entsteht das Bild einer etwas versnobten Schickeria aus dem Frankfurter Taunus-Milieu, in der es bald drunter und drüber geht.

Die Partner werden gewechselt, nicht nur in der jüngeren Generation. Rosemarie Hopsten, Phoebes Mutter, verliert sich an den leicht adipösen Libanesen Joseph Salam, der sich wiederum über ihre Stilberaterin Helga Stolzier hermacht - und kläglich scheitert. Als teilnehmender Zaungast beobachtet der Ich-Erzähler, wie sich in dieser kleinen gesellschaftlichen Gruppe alles auseinanderlebt, wie Erotik über Ökonomie dekliniert wird, wie Intrigen gesponnen werden, sich Hass entwickelt.

So wogt die Schlacht zwischen den Geschlechtern hin und her, meist unentschieden und belanglos, aber vom Autor federleicht und spielerisch in Szene gesetzt.

Mosebach ist ein Autor, der sich keine literarische Schlamperei leistet, der seine Erzählfiguren aber mit jenem Lächeln begleitet, das jede geglückte Kunstübung evoziert. Fremd ist ihm der gequälte, oft auch keifende Ernst, der in der Gegenwartsliteratur als moralisierender Oberton häufig anzutreffen ist.

Es geht dem Büchnerpreisträger nicht um Erkenntnis. Er präsentiert uns keinerlei wegweisende Aussage. Er beobachtet, er beschreibt. Aber dies mit einer stilistischen Brillanz, einer Meisterschaft, die eine großartige Herausforderung darstellt, ein Lesevergnügen der besonderen Art.

Martin Mosebach: Was davor geschah. Hanser, 329 S., 21,90 Euro, Wertung: !!!!!

Von Wolf Scheller

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