Der in Kassel aufgewachsene Künstler Ole Aselmann ist im Kunstverein zu Gast

Ole Aselmann im Kunstverein: Kultur im Schlepptau

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Wunderkammer: Ole Aselmann im temporären Raum des Kunstvereins, den er als Erster gestaltete, unter anderem mit den Figuren „Joschka Fischer“ und „GI“ und einem „Wurstgemälde“.

Kassel. Vermutlich würde Ole Aselmanns Ausstellung „Berlin Beijing“, mit der der Kasseler Kunstverein gestern Abend seine temporären Räume an der Werner-Hilpert-Straße 23 und sein Sommer-Programm „trans“ eröffnet hat, auch gut auf die documenta 13 passen.

Geht es doch deren Chefkuratorin Carolyn Christov-Bakargiev statt um virtuelle Welten um unmittelbare, reale, sinnliche Erfahrungen, um ein Erleben bis hin zur Überforderung. Einer elementareren Herausforderung als Aselmann kann man sich wohl kaum stellen: Der 32-Jährige, der in Kassel zur Schule gegangen ist, hat in drei Etappen die Strecke Berlin-Peking absolviert. Zu Fuß. Irgendwas zwischen 10 000 und 11 000 Kilometer, etwa ein Jahr lang. Einmal zwang ein Badeunfall in Kasachstan Aselmann, seine Wanderung zu unterbrechen.

„Erst nach dem Existenziellen kommt die Kunst“, sagt Aselmann, dessen künstlerische Produktivität schon vorher von der Erfahrung des Gehens, des Unterwegsseins profitierte - zum Beispiel von London nach Berlin. Bei seinen Tagträumen während des Wanderns ging es um die Grundbedürfnisse: „Ich habe meistens ans Essen gedacht. Man hat hin oder wieder Glücksmomente, aber es macht selten Spaß.“

Mahlzeiten und Essensvorräte hat er immerzu und vollständig fotografiert. Der Kunstverein verkauft die 935 Aufnahmen als Edition im elektronischen Bilderrahmen. Das abendliche Gefühl im Zelt, sich verausgabt, etwas geschafft, einem Ziel näher gekommen zu sein, das sorge allerdings für eine „Grundzufriedenheit“.

„Welches Kulturgut schleppe ich eigentlich mit mir rum?“, auch dieser Frage wollte sich Aselmann stellen, und wie ein Echo dieser Überlegungen während seines Wanderns wirkt der Raum, den er für den Kunstverein eingerichtet hat, mit Zitaten und Assoziationen an die christlich geprägte abendländische wie an die fernöstliche Kultur. Eine „Wunderkammer“, wie Aselmann es formuliert, mit Verfremdungen, Erinnerungen, Versatz- und Fundstücken, alles entlang einer „Autobahn“ in Form eines Eurasienstabs aufgebaut, wie sie tatsächlich gerade von Moskau nach China gebaut wird. Der Dalai Lama hat, die Arme ausgebreitet wie ein Verkehrspolizist oder mit segnender Geste, seinen Platz auf einer Insel zwischen den Fahrbahnen gefunden.

Man begegnet auf dieser modernen Seidenstraße Juri Gagarin, Joschka Fischer, Schaf und Erdmännchen, einer Muttersau aus Holz, einem Rasenmäher, einem hochgerüsteten amerikanischen GI mit aufgepumptem Oberkörper und winzigem Kopf sowie einer Ming-Vase als Rakete. Von einer Mischung aus Volkskundesammlung, Dorfmuseum, Archiv und Ateliersituation spricht Bernhard Balkenhol, Vorsitzender des Kunstvereins. Mit Beuys und Schlingensief hat sich Aselmann beschäftigt. Nichts Mythologisch-Spirituelles hat aber sein ganz eigenes Universum, sondern etwas Kindlich-Konstruktives, einen eher spielerischen Charakter.

Bis 11. Juni, täglich 18-24 Uhr, Werner-Hilpert-Str. 23, Tel. 0561/771169, www.kasselerkunstverein.de

Von Mark-Christian von Busse

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