Ihre Songs halfen einer Generation über den Weltschmerz

Slowdive im Kulturzelt: Ihr Traum ist noch lange nicht aus

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Helden von einst, die besser denn je klingen: Neil Halstead (rechts) und seine Band Slowdive im Kasseler Kulturzelt.

Slowdive waren einst jung und hip, dann verhasst und schließlich vergessen. Im Kasseler Kulturzelt beweist die britische Shoegaze-Band, dass man auch nach 22 Jahren Pause besser denn je sein kann.

Es war nicht ganz selbstverständlich, dass die Rockband Slowdive am Samstag im Kasseler Kulturzelt von ihren Fans ausgiebig gefeiert wurde. Denn es gab eine Zeit, da wurden die Musiker aus dem südenglischen Reading und ihre Dauer-Melancholie zutiefst verachtet. Von ihrem Kollegen Richey Edwards, Gitarrist der Manic Street Preachers, stammt der legendäre Satz: "Ich hasse Slowdive mehr als Hitler."

Doch fast drei Jahrzehnte nach der Gründung und einem wundersamen Comeback sind Slowdive plötzlich die Lieblinge von allen. Gerade wurden die Briten für den Indie Award des Verbands unabhängiger Musikunternehmen nominiert (wie übrigens auch die Kulturzelt-Acts Kat Frankie und Kettcar).

Im gut gefüllten Festival-Bau an der Drahtbrücke sind viele mittelalte Musik-Fans mit einem Leuchten in den Augen. Sie erinnern sich vermutlich daran, wie ihnen die melancholischen Songs Anfang der 90er-Jahre über den Weltschmerz hinweghalfen, wie Slowdive erst gefeiert und dann von ihrer Plattenfirma Creation Records gefeuert wurden, weil die mit einer Band namens Oasis plötzlich die goldene Britpop-Ära einläuteten.

Für die große Party waren Slowdive immer zu düster. Sie gelten als Vorreiter des Genres Shoegaze, das so heißt, weil die Gitarristen stets nach unten schauten, nicht auf die Schuhe, sondern auf die Effektgeräte. Auch im Kulturzelt ist der Blick von Gitarrist und Sänger Neil Halstead oft nach unten gerichtet. Shoegaze ist wieder in.

Die Effekte funktionieren noch wie 1995, als das vorletzte Slowdive-Album erschien und sich die Band auflöste. Das Quintett sorgt für einen perfekten Wall of Sound mit verzerrten Gitarren und ganz viel Hall. Die Gesangsstimmen von Halstead und seiner einstigen Partnerin Rachel Goswell sind nach unten gemischt. Die Texte versteht man kaum. Auf sie kam es auch nie an, sondern auf die Melodien dieses schwelgerischen Dream Pops. "Das ist Couch-Musik", sagt ein Fan von früher, der sich das Wiedersehen in Kassel natürlich nicht entgehen lässt.

Manchmal wünscht man sich etwas mehr Energie auf der Bühne oder wenigstens ein paar zusätzliche Worte von Halstead und Goswell zwischen den Songs. Der Auftritt wirkt ein bisschen routiniert. Im Londoner Hyde Park, wo die Band zuletzt mit The Cure auftrat, wird es ähnlich gewesen sein. Aber Slowdive sind nun einmal nicht Oasis, und ihre Konzerte keine Pop-Partys.

90 Minuten lang spielen die Musiker alte und neue Songs wie das poppige "No Longer Making Time". Manchmal hofft man, ein Lied würde niemals enden, so wie man aus einem schönen Traum niemals aufwachen möchte. Ihre Lieder vom im vorigen Jahr erschienenen Comeback-Album sind noch besser als die alten Klassiker. Welche in die Jahre gekommene Band hat das schon geschafft?

Was ihr einstiger Kritiker Richey Edwards dazu sagen würde? Man weiß es nicht. Der Texter der Manic Street Preachers ist seit Februar 1995 verschwunden und gilt mittlerweile als "vermutlich tot". Die von ihm verhasste Musik ist lebendiger denn je.

Hier gibt es alle Infos zum Kasseler Kulturzelt.

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