Zugabe mit Remmidemmi in der Zuschauermenge

Kulturzelt: Hypnosesause aus Blech mit Techno-Band Meute

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In rotgoldenen Uniformen: Die Hamburger Band Meute beim Auftritt im Kulturzelt.

Kassel. Zum Start des Kasseler Kulturzelts ließen die Blechbläser und Percussionisten der Hamburger Band Meute es ordentlich krachen.

Festhalten, bitte. Vom Allegretto aus Beethovens 7. Sinfonie zum Electropunk von Deichkinds „Remmidemmi“ reichte die wilde musikalische Seefahrt, zu der die Techno-Marching-Band Meute am Donnerstagabend im ausverkauften Kasseler Kulturzelt in See stach.

Anfangs marschierten die rotgold uniformierten Blechblasoffiziere zu den prozessionshaften Klängen des gut 200 Jahre alten Klassik-Evergreens gemessenen Schrittes auf die Bühne, in die feierlichen Klänge mischten sie nach kurzer Zeit jedoch immer mehr kurze Fanfaren, die Befreiungsschreien glichen, gleißende Lichtblitze zuckten dazu durchs Dunkel. Und dann fing der Vierviertel-Beat zu dröhnen an und hörte fast zwei Stunden lang kaum je auf.

Statt die akustische Lufthoheit dem DJ zu überlassen, holen Meute die Techno-Musik zurück ins Hand- und Mundgemachte. Der hypnotische Faktor ist vergleichbar hoch wie bei den Elektronik-Sausen, nur halt ganz klassisch mit Bassdrum, Snare, Marimba, Sousafon, Saxofonen, Posaune, Trompete und Co. erzeugt.

Wer auf akustische Abwechslung steht, wurde hier folgerichtig nicht sofort fündig. In Sachen Spannungsaufbau und Tanzbarkeitsfaktor funktioniert das Konzept aber prächtig. Bestens gelaunt wurden die Drops zelebriert, manchmal gingen alle Musiker tief in die Hocke, viele im Publikum beugten die Knie begeistert mit – um desto euphorischer aufzuspringen, wenn der erlösende Rhythmuswechsel kam. Diese Dramaturgien waren großartig.

Hatte die Band das mitfeiernde Parkett erst mal soweit in die Tasche gespielt, erlaubte sie sich kleinere Genre-Ausflüge: Mal klang die Trompete nach Mariachi, mal hauchte das Saxofon ein gefühliges Solo, dass mehr als nur ein entfernter Gruß aus den Hemisphären des Jazz war. Ein Querflötenpart pustete jegliche Lieblichkeit aus den Trillern und ein Glockenspiel streute mit verloren wirkenden Tönen sogar eine Portion Melancholie in das wilde Treiben – weiter weg von Spielmannszug geht kaum.

Wie die Duracellhäschen ackerten die Blas- und Schlagwerker durch die Rhythmusgebirge. Und brachten die Fans bei ihrer verblechten Version von „Remmidemmi“ zum Mitsingen: „Ey spieß mal nicht so rum ey, wir wollen nur was erleben.“

Im Zugabenteil enterten die Partyoffiziere dann das Parkett, tauchten tief in die schwofende Menge ein. Nur das Sousafon ragte aus dem Tanzpulk heraus, drehte sich wie das Periskop eines U-Boots in der Tiefsee.

Kulturzelt an der Drahtbrücke in Kassel, Samstag: Slowdive. Dienstag: Shout Out Louds. Beginn jeweils 19.30 Uhr, Tickets beim HNA-Kartenservice und Restkarten stets auch an der Abendkasse. Alles Infos zum Kulturzelt gibt es hier.

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