Kummerkasten Mietshaus

Theater Chaosium: Umjubelte Premiere mit "Tür an Tür"

Jeder lebt für sich allein: Szene aus dem Stück „Tür an Tür“ des Theaters Chaosium. Foto: Schachtschneider

Kassel. Ein Mann schlurft zu seiner Wohnungstür. Was er murmelt, klingt nach Seelenqual: „Ich bin ganz allein auf der Welt. Hier ist alles grau.“ Hier? Das ist das Mietshaus, in dem er lebt, besser gesagt – vegetiert. Und das gilt auch für alle anderen Bewohner.

Ein ganzes Haus voller Isolationskammern, genannt Wohnungen. Eine jede von ihnen wie ein verschmutztes Aquarium, bis zur Decke verseucht mit abgestandenen Gedanken, mit Einsamkeit, Misstrauen und Selbsthass. Über jedem Klingelknopf müsste eigentlich der Name des Schriftstellers Franz Kafka stehen, denn dessen Texte inspirierte das „Theater Chaosium“ dazu, die düstere Gedankenwelt des Schriftstellers auf die Bewohner eines Mietshauses zu projizieren.

„Tür an Tür“ heißt das beachtliche Ergebnis. Am Mittwoch feierte das kleine Theater, bei dem Menschen mit und ohne Psychiatrieerfahrung zusammenarbeiten, Premiere im ausverkauften Dock 4. Lob gebührt den ausdrucksstarken Darstellern, Lob gebührt der Regie. Symmetrisch hinter- und nebeneinander haben die Regisseure Reinhild Alber und Dirk Radunz die fiktiven Mieteinheiten platziert.

Leben ohne Sinn

Ein vielschichtiges Charakterpanorama eröffnet sich den Zuschauern. Tür an Tür leben die Menschen, und es trennen sie Welten. Das einzig Verbindende ist die Seelenqual, die jeder auf seine Weise auslebt. Da ist der intellektuelle Schreiberling, der über Lebensweisheiten brütet. Da ist die ruhelose Frau, die Kindergewehre anbietet. Eine Tür weiter, der sich abrackernde Familienvater, der die Selbstachtung verloren hat, weil er sich vom Chef als Werkzeug demütigen lässt.

Auch der Junggeselle, der beim Kochen an bessere Zeiten denkt, das Ehepaar, das nur noch die Eintönigkeit miteinander teilt, die Frau, die ihren Tag am Fenster verbringt. Sie alle und noch weitere Figuren – ausdrucksstark gespielt - beschreiben ein Leben ohne Sinn. Fazit: Atmosphärisch eindringlich, bedrückend realistisch. Dem lautstarken Applaus kann man sich nur anschließen.

Es spielten: Gerd Becker, Michael Bratfisch, Xenia Diez, Manfred Feuring, Constantin Gora, Roland Hehr, Eva Janiki, Marcelina Krüger, Jutta Opalka, Susanne Pfeiffer, Helga Rall, Werner Stephan, Willi Strotmann, Fred Tolle und Artur Tymchyschyn.

Von Steve Kuberczyk-Stein

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