Der große Entertainer Chilly Gonzales im Kulturzelt Kassel

Kunst im Bademantel

Schnell nass geschwitzt: Chilly Gonzales bei seinem Auftritt im Kulturzelt. Foto: Koch

Kassel. Chilly Gonzales – klingt eigentlich wie ein rezeptfreies Potenzmittel aus einer mexikanischen Drogerie. Doch mit diesem Künstlernamen ist dem kanadischen Pianisten und Entertainer Jason Charles Beck die fast perfekte Charakterisierung seines kreativen Schaffens gelungen.

Scharf gekocht und rasant serviert schob der eloquente Alchemist unorthodoxer Kompositions-Konglomerate seine Show über den Bühnenrand des ausverkauften Kasseler Kulturzelts und sorgte für mächtig Staunen und Stimmung. Unterstützt wurde er von dem bestens aufgelegten Kaiser Streichquartett aus Hamburg und dem Schlagzeuger Joe Flory. Und die hatten bei den opulenten Arrangements von Chilly Gonzales auch richtig was zu tun.

In den durchaus ernst und anspruchsvoll komponierten kammermusikalischen Beiträgen verknüpfte er aktuelle Popharmonik mit nach Brahms und Schubert klingenden klassischen Fragmenten und unterlegt diese mit modernen Rhythmen. Oft garnierte er diese Mischung mit skurrilen Rap-Einschüben oder ließ die Struktur in einem Pianoinferno zerbrechen. Dur ist ihm zu spießig, und so gab es auch schon mal ein „Happy Birthday“ in Moll, das dann eher einem Beerdigungsmarsch ähnelte.

Überhaupt spießig: Der 41-Jährige, der gerade von Paris nach Köln gezogen ist, sitzt im Bademantel und mit Filzpantoffeln am Klavier, zappelt und hüpft vor der Tastatur herum wie ein aufgezogener Duracell-Hase und headbanged eine Gischt aus Schweiß und Speichel auf den Bühnenbelag, dass man sich an Auftritte von Iggy Pop oder den Ramones erinnert fühlt. Dann trommelt er auf Bongos das Hauptthema von Beethovens 5. Symphonie, um sich im nächsten Augenblick über die Bassdrum-Beats der aktuellen Dancefloor-Kracher zu amüsieren.

Ein Abend mit Chilly Gonzales gleicht einem unterhaltsamen und virtuos formulierten Plädoyer für die Grenzenlosigkeit des musikalischen Ausdrucks. Der Freiheit, sich der Komplexität der Angebote zu öffnen und nach der Essenz zu forschen. Das man mit dieser Einstellung nicht zum Lachen in den Keller verschwinden muss, bewies der überschwängliche Applaus des völlig begeisterten Publikums.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.