„Kunst  hassen“: Streitschrift zur Gegenwartskunst  von Nicole Zepter

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Bloß Abfall? Oder ein wichtiges Werk der Gegenwartskunst?: Lara Favarettos Schrotthaufen erhitzte voriges Jahr bei der documenta 13 die Gemüter.

Es ist ein Leichtes, sich über das abgehobene, sinnleere Geschwafel mancher Ausstellungstexte zu amüsieren. Nicole Zepter, die mit „Kunst hassen“ eine wütende Streitschrift gegen die zeitgenössische Kunst verfasst hat, zitiert lustvoll lange Passagen solcher nichtssagender, aber aufgeblähter Beschreibungen.

Trotzdem beschleicht einen bei ihrem zumal schlampig lektorierten Bändchen ein ungutes Gefühl - nicht nur wegen des Endlich-sagt’s-mal-jemand-Gestus und weil einem ständig Gegenargumente einfallen - geglückte, eindrucksvolle Ausstellungen gerade in der Kunsthalle Fridericianum in Kassel oder die ungewöhnliche Vermittlung durch „Worldly Companions“ der documenta  13.

Das Problem ist vor allem, dass Zepter das Kind mit dem Bade ausschüttet, indem sie alles durcheinanderschmeißt: Die sicher berechtigte Kritik an einem maßlosen, überhitzten und überhöhten Kunstmarkt als knallhartes Business mit einem Star- und Geniekult vermischt sie mit allzu scharfen Urteilen: über gefällige Museumsarchitektur („geweihte Räume“, „Wellnesstempel“), starre Institutionen, distanzlose Kunstkritik ohne Haltung, überhebliche, an Worthülsen überreiche Sprache, Vermittlung von oben herab für ein eingeschüchtertes, ohnmächtiges Publikum - bis hin zu schlecht gelaunten Aufsichten und piefigen Museumsshops.

Kunst heute sei verlogen, banal, ein Klischee, Gleichmacherei, hemmungslose Idealisierung, behauptet Zepter. Sie sei ein Schauspiel mit festgelegten Codes und Bühnen-Ritualen, Lifestyle, PR, sie „steckt fest in einem tiefen sakralen Horror“, die Szene bete todernst Götzen an: „Wir glauben an die Kunst wie an den Weihnachtsmann.“

Allerdings überzeugen ihre Beispiele nicht - wenn sie sich etwa mit dem Künstler Cyprien Gaillard befasst, der bei Rein Wolfs im Fridericianum ebenso ausgestellt hat wie auch in den von seiner Nachfolgerin in Kassel, Susanne Pfeffer, zuvor geleiteten Kunstwerken in Berlin.

Im Zentrum steht ein Interview mit Eugen Blume, Direktor des Hamburger Bahnhofs in Berlin, der sich durchaus klug zur Rolle des Museums, zur Bilderflut der digitalen Welt, zum Nichtverstehen des Publikums äußert. „Für die, die nicht ins Museum gehen, ist es natürlich eine völlig verschlossene Landschaft“, sagt er lapidar. Das spontane Empfinden sei aber ein erster Zugang, wichtigster Impuls zum „Verstehen“, dem die Auseinandersetzung folgen müsse. Zepter zitiert auch documenta-Gründer Arnold Bode. Beim Fußball kenne jeder die Regeln, habe sie 1000-mal verfolgt. Anders in Ausstellungen, so Bode: „Wenn man nicht informiert ist, kann man nicht urteilen. Darum müssen wir informieren“ - das sei der Auftrag der documenta. Zepter hat sich falsche Kronzeugen gewählt.

Nicole Zepter: Kunst hassen. Klett-Cotta, 140 S., 12 Euro, Wertung: zwei Sterne

Debatte im Kasseler Kunstverein

Darf man Kunst hassen? Und das in einer Stadt wie Kassel, deren Selbstbild so eng mit der documenta verbunden ist? Dieser Frage will der Kasseler Kunstverein nachgehen - in einer Veranstaltung am Sonntag, 15. Dezember, 16 Uhr, mit dem Titel „Advents-Kaffeeklatsch“ im Kunstverein im Fridericianum.

Was bedeutet „Kunst hassen“ - ist es eine enttäuschte Liebe? Und wer liebt die Kunst - bedingungslos, ohne Ironie, Zynismus und finanzielles Kalkül?

Diese Fragen diskutieren Ann Schomburg, Meisterschülerin der Kunsthochschule Kassel und Trägerin des Kasseler Kunstpreises, Kunsthistoriker und Autor Christian Saehrendt sowie Ernst D. Lantermann, bis vor Kurzem Professor für Psychologie an der Uni Kassel. Auch Autorin Nicole Zepter ist angefragt.

In Kooperation mit dem Kunstverein bitten wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, um Ihre Meinung in der Debatte um Hass und Liebe zur Kunst. Zu drei Fragen der Initiatoren im Kunstverein bitten wir um Statements, die wir an die Veranstalter weitergeben. Eine Auswahl veröffentlichen wir in der Zeitung:

• Haben Sie ein so schönes Kunsterlebnis gehabt, dass Sie heftige Glücksgefühle verspürten und Künstlern bzw. Kuratoren dankbar waren?

• Haben Sie schon bei der Begegnung mit einem Kunstwerk geweint - vor Freude, Begeisterung, Rührung oder Traurigkeit?

• Sind Sie bei der Begegnung mit einem Kunstwerk wütend geworden, wurden Sie laut oder gar körperlich aktiv, haben Sie protestiert oder gar randaliert?

Bitte antworten Sie unter dem Stichwort „Kunst hassen“ bis zum Sonntag, 8. Dezember, an die HNA-Kulturredaktion, Frankfurter Str. 168, 34121 Kassel, an kulturredaktion@hna.de oder per Fax 0561/2032340. (vbs)

Von Mark-Christian von Busse

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