Martin Walser im Gespräch mit Denis Scheck beim Literarischen Frühling

Kunst lindert Peinlichkeit

Literaturkritiker und Schriftsteller: Denis Scheck (links) verwickelte Martin Walser in ein angeregtes Gespräch. Foto: Katharina Jäger

Waldeck. Als wortgewaltigsten und fleißigsten deutschen Schriftsteller stellte Denis Scheck (48) seinen Gast Martin Walser (86) vor. Zu einer Lesung mit Gespräch waren der aus der ARD-Sendung „Druckfrisch“ bekannte Literaturkritiker und der Autor, der seit den Fünfzigerjahren weit mehr als 50 Romane, Novellen und Theaterstücke veröffentlicht hat, am Sonntagvormittag im Hotel Schloss Waldeck zusammengekommen. Die Veranstaltung war Teil des Literarischen Frühlings.

Mit der Veröffentlichung von „Meßmers Momente“ Anfang des Monats hat Martin Walser seine Meßmer-Reihe zur Triologie erweitert. Seinen Helden Meßmer lässt Walser sagen, was er selbst glaubt, empfindet und erfahren hat. „Geständnisliteratur erster Rangordnung“, nennt Walser das und fügt hinzu: „Die Peinlichkeit wird nur gelindert durch die Vollkommenheit der Formulierung.“

In den drei Teilen seiner Lesung gab Walser Einblicke in „Meßmers Gedanken“ (1985), „Meßmers Reisen“ (2003) und „Meßmers Momente“ (2013). „Ich leide an Verfolgungswahn. Das ist das Einzige, was mich von meinen Verfolgern unterscheidet.“ So beginnt der dritte Band. Andere Sprüche, die Walser nicht als Aphorismen bezeichnet haben will, handeln von der Unmöglichkeit sich zu verändern oder der Lust und Last von Freundschaft und Ehe. Eine weitere Erkenntnis lautet: „Solange man Geld verdienen muss, muss man sich beleidigen lassen.“

Zwischen den Lesungen gelang es dem gut vorbereiteten Denis Scheck, den Schriftsteller in ein angeregtes Gespräch zu verwickeln. Über die Last des Zeitgeistes, der die Wahrheit oft verschleiere, oder die deutsche Kultur des Rechthaben-Müssens klagte Walser mit der angenehm-melodischen Sprachfärbung seiner süddeutschen Heimat und unterstrich seine Worte mit zahlreichen Gesten, mal in die Ferne deutend, dann bestimmt auf seinen Oberschenkel hämmernd.

So kamen der Literaturkritiker und der Schriftsteller auf alte Streits und Missverständnisse wie die Walser-Bubis-Kontroverse im Jahr 1998 zu sprechen. Es tue ihm leid, sagte Martin Walser, dass er damals falsch verstanden worden sei. Mit seiner Rede gegen eine Instrumentalisierung von Auschwitz habe er aber nie das Leid der Juden in Frage stellen wollen.

Gern spricht der Schriftsteller nicht über Politik. Auf die Frage, wer heute die Mächtigen sind, gibt er Scheck zur Antwort: „Das müssen Sie doch besser wissen als ich.“ Und als Scheck nachbohrt, fordert Walser das Publikum auf: „Sagen Sie’s ihm!“

Von Valerie Schmidt

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