„I love Aldi“: Eine Schau in Ludwigshafen nimmt das Discounterwesen ins Visier

Kunst als Massenware

Die Masse macht’s: Ein Werk mit unzähligen kleinen Häusern aus Toastbroten von Alice Musiol, „Ohne Titel V“ (2011), 3,10 x 3,10 Meter groß. Fotos: Museum 

Ludwigshafen. Von der Decke des Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museums hängen schlaff Einkaufstüten diverser Discounter herab. Drückt der Besucher auf einen roten Knopf, bläst sich die von Iskender Yediler 1998 ersonnene Konstruktion mit dem Titel „ALDIPLUSLIDL“ zum Kreuz auf. Hat das Einkaufen in Selbstbedienungsläden mit preisgünstigem Warensortiment tatsächlich Kultstatus?

Museumsdirektor und Ausstellungskurator Reinhard Spieler jedenfalls meint: „Als Gegenmodell zum Luxus-Markenfetischismus hat die ,Aldisierung’ alle Einkommens- und Bildungsschichten erreicht und mit dem Billig-Virus infiziert.“ 38 Künstler gehen diesem Phänomen nach.

Eine ganze Reihe der Akteure beschäftigt sich mit dem optischen Reiz der zum Kunstprodukt umfunktionierten Massenware. Thomas Rentmeister zum Beispiel hat bei Discountern massenweise in bunt bedruckte Plastiktüten eingeschweißte Wurstwaren eingekauft. Nun liegen sie zur kreisrunden Installation „Aufschnitt“ (2011) aufgeschüttet zu unseren Füßen. Das sieht schlicht und einfach nach Sortimentvielfalt und vakuumverpacktem Überfluss aus.

Brisanz bekommt Rentmeisters Beitrag erst durch ein in der Nachbarschaft hängendes Gemälde. In fotorealistischer Manier hat Francisco Sierra ein armes Schwein gemalt, eingepfercht in einen Käfig, der ihm keinerlei Bewegungsfreiheit gewährt. Zynisch weist der Bildtitel auf den Schlachttermin hin: „Eines Tages kommen wir zur Ruh’“.

Eine andere Gruppe von Werken kreist um das Thema Kunst als Massenware. Ein Paradebeispiel ist die mit diagonalen Streifen in Weiß und Blau bedruckte Aldi-Nord-Einkaufstüte. Sie wurde 1970 vom renommierten Maler Günther Fruhtrunk entworfen. Dem war das peinlich. Reinhard Spieler erzählt: „Fruhtrunk, so ist überliefert, gestand seinen Studenten den Aldi-Auftrag beschämt mit den Worten: ,Ich habe gesündigt’, und zahlte 400 DM Strafe in die Klassenkasse.“

Nachfolgende Künstler sahen kein Problem in der Zusammenarbeit mit Aldi. Das beweist die 2003 in den Aldi-Süd-Filialen feilgebotene Edition von Druckgrafiken mit einer Auflage von 10 400 Exemplaren pro Motiv, die etwa von Felix Droese und Thomas Virnich stammen. Die Schau zeigt die Kunstware wie damals angeboten: In Plastik eingeschweißt und gerahmt. Stückpreis: 12,99 Euro.

Droese behauptete damals: „Ich habe die Kunst, Aldi hat die Kunden.“ Wenn er sich da mal nicht einer schönen Illusion hingegeben hat. Im Vordergrund stand nämlich der Verkauf der Bilderrahmen. Die eingelegten Künstler-Drucke waren nur als zusätzlicher Kaufanreiz gedacht.

Bis 4. März, Wilhelm-Hack-Museum, Berliner Straße 23, Telefon 0621/5043045,

www.wilhelmhack.museum

Katalog (Verlag der Buchhandlung Walther König) im Museum 14,99, sonst 38 Euro

Von Veit-Mario Thiede

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