Kunst und Mumpitz: Tagebuch zur documenta 13 von Ingrid Mylo und Felix Hofmann

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Wunderwerk an Akribie und Hingabe: Ingrid Mylo und Felix Hofmann rühmen in ihrem Tagebuch die Zeichnungen von Tacita Dean im ehemaligen Finanzamt an der Spohrstraße.

Kassel. Bei jeder documenta ist das so: Die Kunstschickeria kommt zu den Vorschau-Tagen, Journalisten fällen ihr harsches Urteil, dann zieht die Szene aus Kuratoren, Sammlern und Kritikern schnell weiter. Kasseler indes wissen: Eine documenta -– schon gar nicht die 13. Auflage 2012 – lässt sich nicht innerhalb von Stunden erfassen.

Sie entwickelt sich, in 100 Tagen ändert sich auch der persönliche Zugang.

Es war deshalb ein plausibles Unterfangen des Kasseler Autoren-Duos Ingrid Mylo und Felix Hofmann, anstelle der professionalen Missgunst, „Konkurrenzgebalze“ und „Brachialrhetorik“ ein Tagebuch über den gesamten Verlauf zu schreiben. Ihre Eindrücke von Kunst und Publikum – und wie sich durch die d13 der Blick ändert – sind als Buch erschienen. Es macht Erinnerungen lebendig und Spaß, das Selbsterlebte mit ihrem Urteil abzugleichen – dem man, etwa in Ausfällen gegen „die Massenmedien“, beileibe nicht immer zustimmen muss.

Mylo und Hofmann widmen sich der d13 mit „dem Anti-Experten-Gestus schlechthin“, wie Publizist Georg Seeßlen im Vorwort bemerkt. Sie suchen offen, „einfach so, absichtslos, ziellos, gefahrlos, konkurrenzlos“ die entferntesten Ecken abseits der Warteschlangen von Carolyn Christov-Bakargievs Ausstellung auf. Sie stimmen mit ihr überein, dass es nicht auf das Virtuelle ankommt, sondern auf das Konkrete, Anschauliche, die körperliche Erfahrung und „ganze Wahrnehmungsmotorik“: „Man muss laufen, schauen, riechen, hören, denken - und weiterlaufen“, staunen sie gleich am ersten Tag. Keine documenta habe Kassel so stark als Projektions- und Präsentationsfläche einbezogen.

Aber Mylo und Hofmann gehen CCB nicht auf den Leim, sie messen die Kunst an der Rhetorik des Katalogs, entlarven manche Behauptung als „Mumpitz“, staunen über Vorschriften und den „Kunstrespektmasochismus“ mancher Besucher ebenso wie über deren Unfähigkeit, die frische Brise im leeren Erdgeschoss des Fridericianums – also die Konfrontation mit sich selbst – auszuhalten.

„Die Attitüde ,das kann ich auch‘ ist denen vorbehalten, die alles können, aber nichts machen“, notieren sie. Kunst, die sich als „Publikums-“ oder gar „Welt-Heiler“ aufspiele, sei die schwächste - bis hin zum Kitsch. Am Pavillon von Paul Ryan in der Aue mit seinem „Threeing“-Konzept stört sie, dass, „mal wieder, das Gemüt als Ort der Heilungsbedürftigkeit ausgerufen“ wird – das klinge nach „abgestandener Psychosuppe“. Die Parallelisierung von Kassel und Kabul finden sie weit hergeholt. Der Film von Paul Serra im Bali-Kino erhält den Hauptpreis für „Allesüberragenden Schwachsinn der d13“.

Permanent bekomme man abwechselnd Anweisungen entgegengeschleudert: „Think!“ und „Stop Thinking!“ – man könne von Glück sagen, nach 100 Tagen keinen Wackelkontakt im Kopf zu haben. Davon kann keine Rede sein.

Ingrid Mylo, Felix Hofmann: Das 100-Tagebuch. Documenta (13). Getidan, 222 S., 15 Euro.

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