Der libanesische Klangtüftler Tarek Atoui testet die Schmerzgrenze seines Publikums

Kunst oder wie man den Lärm überlebt

Hört auf Tarek Atoui: Eine seiner selbst gebauten Soundmaschinen. Foto:  Malmus

Kassel. Das arabische Wort „Tarab“ lässt sich nur schwer übersetzen. Der Begriff bezeichnet eine bestimmte orientalische Musikrichtung vor dem Ersten Weltkrieg, aber vor allem auch eine emotionale Reaktion auf Klang: die Verzauberung der Zuhörer.

Dass sich der libanesische Klangkünstler Tarek Atoui auf der Jagd nach dem Tarab befindet, lässt sich jedoch auch ohne Arabischkenntnisse gut verstehen. Bei seiner documenta-Performance „Metastable Circuit 1“ windet er sich auf der Bühne wie ein manischer Schlangenbeschwörer, der seinen Soundmaschinen überirdische Klänge entlockt. Das Publikum erreicht unterschiedliche Grade der Bezauberung: manche schaukeln ekstatisch auf ihren Sitzen, andere halten sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Ohren zu.

Atoui bestreitet seine Performances mit selbst gebauten Maschinen, die durch Sensoren Bewegungen in Klang umwandeln. Er streichelt, stupst und prügelt die Mischpulte, und die Apparate antworten mit elektronischem Fauchen, Dröhnen und Fiepen und ab und zu mit Momenten, die Musik heißen können. Der gebürtige Libanese, der in Paris zeitgenössische Musik studiert hat, kennt sich aus mit Klängen, die wehtun. Im Internet schreibt Tarek Atoui, dass er während des Libanon-Krieges im Jahr 2006 drei Tage lang von der Polizei festgehalten und mit Lärm und Schlägen auf den Kopf gefoltert wurde. Seitdem hat er auf dem linken Ohr einen bleibenden Hörschaden.

Nun spielt Atoui selbst mit der Macht des Klangs, die zermürben kann. „Un-Drum - The Strategy of surviving noise“ nannte er eine seiner Performances, also die Strategie, Lärm zu überleben.

Wenn seine Bässe im ganzen Körper flattern und die Höhen den Herzschlag beschleunigen, bringt der Soundtüftler auch seine documenta-Zuhörer an ihre Grenzen. Doch dann scheint sich „Metastable Circuit 1“ gegen Ende zu beruhigen und erlaubt auch Klänge, in die man sich fallen lassen kann. Wenn es schließlich still wird, trampelt das Publikum angetan und Tarek Atoui wird vom zuckenden Voodoopriester zum schlaksigen jungen Mann. Er lächelt schüchtern, aber beseelt. Vielleicht sieht so Tarab aus.

Heute ist Tarek Atoui ab 17 Uhr bei der Gesprächsrunde „Black Box“ in der Orangerie anzutreffen. Seine nächste Klangperformance findet am Montag, 30. Juli, ab 21 Uhr in der Orangerie statt, Dort arbeitet er auch mit jungen Leuten an neuen Klangerlebnissen. Seine Maschinen sind in Atouis Hütte vor der Orangerie zu sehen.

Von Saskia Trebing

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