Prügelnde Jesusmutter, nackte Oberbürgermeisterin, getötete Tiere

Ausstellung an der Uni Bochum: Ist das Kunst oder ist das strafbar?

Säure-Anschlag: Rembrandts „Jakobssegen“ in der Kasseler Gemäldegalerie wurde 1977 schwer beschädigt. Archivfotos:  nh

Bochum. „Was darf Satire? Alles!“ Kurt Tucholskys Ausspruch wird immer wieder zitiert, wenn die künstlerische Freiheit durch spektakuläre Aktionen ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerät. Wie aber ist es im Bereich der Kunst? Dazu zeigt die Universität Bochum bis 1. Februar die Wanderausstellung „Kunst und Strafrecht“.

Die Tafeln und Hintergrundtexte gibt es auch unter www.kunstundstrafrecht.de.

Dort geht es um die Kunst als „Täterin“ (z. B. Gewaltverherrlichung, Staatsgefährdung) wie als „Opfer“ (Fälschung, Beschädigung von Kunstwerken). Konzipiert wurde die Ausstellung am Lehrstuhl für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie der Universität Frankfurt/Oder.

Erinnert wird etwa an Hans-Joachim Bohlmann, der in Museen Werke von Rubens, Rembrandt oder Cranach im Wert von 130 Mio. Euro zerstörte - auch im Schloss Wilhelmshöhe in Kassel, wo er 1977 einen Schwefelsäure-Anschlag auf vier alte Meister verübte. Das Landgericht Hamburg verurteilte Bohlmann wegen gemeinschädlicher Sachbeschädigung in 17 Fällen zu fünf Jahren Haft. Bohlmann, der immer wieder in der Psychiatrie untergebracht war, starb 2009 71-jährig an Krebs.

Als historischer Fall gilt das Gemälde des Surrealisten Max Ernst „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen André Breton, Paul Eluard und dem Maler“ von 1926, das in Paris bei seiner ersten Ausstellung einen Skandal auslöste - weniger wegen der prügelnden Maria, sondern weil dem Jesuskind der Heiligenschein herunterfällt. Als das Bild in Köln gezeigt wurde, erzwang der Erzbischof die Schließung der Ausstellung und exkommunizierte Ernst wegen Gotteslästerung. Heute ist das Bild im Museum Ludwig in Köln zu sehen.

Skandalös: Max Ernsts Gemälde „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind“.

Die Künstlerin Erika Lust malte 2009 das Bild „Frau Orosz wirbt für das Welterbe“, in dem sie den Einsatz der Dresdner Oberbürgermeisterin für den Bau der Waldschlösschenbrücke kritisiert – Dresden verlor deswegen den Unesco-Welterbetitel. Orosz ist fast nackt mit Strapsen und Amtskette zu sehen. Orosz klagte, weil sie sich entwürdigt dargestellt fühlte – und bekam vom Landgericht Dresden Recht, das der Malerin bei weiterer Verbreitung des Bildes mit 250 000 Euro Ordnungsgeld droht. Das Oberlandesgericht kassierte das Urteil, sprach von der satirischen Darstellung eines aktuellen Geschehens und hob den Vorrang der Kunst- und Meinungsfreiheit über die Persönlichkeitsrechte hervor.

2006 töteten drei Künstler in Berlin vor Publikum zwei Hasen und besudelten sich mit deren Blut – um zu zeigen, dass man Tiere töten muss, wenn man sie essen will. Sie wurden wegen „Tötung eines Wirbeltieres ohne vernünftigen Grund“ zu einer Geldstrafe verurteilt.

Darf Kunst wirklich alles? Die Frage scheint eher, was als Kunst gilt. Um 1900 konnten Händler für Postkarten mit nackten Motiven von Malern wie Rubens noch wegen Pornografie angeklagt werden.

Von Joachim Göres

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