Fridericianum zeigt Kunst, die sich auf Kunst bezieht

Rein Wolfs: Kassel braucht angemessene zeitgenössische Kunstsammlung

Nach einem Gemälde von Max Bill: Olaf Nicolais Sitzlandschaft.

Kassel. Rein Wolfs, der Leiter der Kunsthalle Fridericianum, versteht die Ausstellung „Produced by Migros“ mit Werken aus dem migros museum für gegenwartskunst Zürich als ein Statement. Als Argument dafür, dass Kassel eine auf das Zeitgenössische fokussierte Kunstsammlung brauche, eine Sammlung, wie sie einer documenta-Stadt angemessen sei.

Die Zürcher Auswahl, komplex und in den Medien vielfältig, spiegele die Geschichte der Kunst der vergangenen zwei Jahrzehnte wider, sagt der Niederländer: „Alle Arbeiten wären documenta-würdig.“ Sie zeigten, so Wolfs, welche starken Einflüsse die documenta ausübe und auch, dass Ausstellungen in der Kunsthalle nicht im luftleeren Raum stattfänden. Eine so geartete Sammlung von Gegenwartskunst könne einen starken Hintergrund, eine Folie bilden zu Wechselausstellungen. Kurzum: „Ich hoffe, dass die Neue Galerie nach der Wiedereröffnung so zeitgemäß wie nur möglich ausgeprägt sein wird.“

Maurizio Cattelan ist vielleicht das eindrücklichste Beispiel für diese Kunst, die sich auf Kunst bezieht. „La Rivoluzione siamo noi“, die Revolution sind wir, heißt seine Figur, die am von Marcel Breuer designten Garderoben-Ständer aufgehängt ist. Es ist eine Miniaturausgabe des 1960 in Padua geborenen Künstlers selbst - im Beuys’schen Filzanzug.

„La Rivoluzione siamo noi“ heißt ein programmatisches Plakat, das Joseph Beuys 1971 zur Eröffnung einer Ausstellung in Neapel gemacht hat. Es zeigt Beuys mit Hut und Stiefeln, selbstbewusst voranschreitend. Direkte Demokratie, Kunst als revolutionäre Kraft - Cattelans Arbeit scheint zu Beuys’ Ideen gleichzeitig Hommage und ironischer Kommentar. Ebenso ist Cattelans Skulptur eine Ikone des Kunstmarktes, wie Wolfs erläutert: Seine Preise haben sich in den 90ern vervielfacht.

So ließen sich Werk für Werk Bezüge herstellen und Referenzen offenlegen - ob bei Olaf Nicolais Sitzlandschaft, die einem Gemälde von Max Bill nachempfunden ist, bei Cady Nolands Siebdruck einer Mauer oder Christopher Wools schwarz-weißer Schablonenschrift: „Want to be your dog“ - nach einem Titel der Rockband The Stooges. Viele bekannte Namen sind zu entdecken, Douglas Gordon etwa, Elmgreen & Dragset, Christine Borland oder Rirkrit Tiravanija.

Dessen Aufschrift „Less oil more courage“ war zu Beginn von Wolfs’ Zeit in Kassel in der Rotunde des Fridericianums zu lesen. Andere Künstler sind zurückgekehrt: Daniel Knorr mit dem Roboter Urlo, den man über www.urlo.eu Botschaften sagen lassen kann, und Christoph Büchel. Er hat die Reste eines Konzerts der Kasseler Punkrockband Lizard tiefkühlen lassen und zeigt ein Video, in dem George W. Bush die Ausstattung des Oval Office im Weißen Haus erläutert.

Wer müde ist nach all der Kunst, kann auf Angela Bullochs Sitzsäcken ausruhen. Auch ein ironischer Fingerzeig fehlt nicht. San Keller, dem Fridericianum seit Längerem verbunden, hat wiederum Cattelans Marcel-Breuer-Garderobe nachgebaut, darin steckt ein Zeigestock. „Nothing is perfect“ ist der Titel. Mit dem Stock, so seine Idee, kann man auf die Kunst zeigen, die nicht perfekt ist.

Migros Museum

Am Eingang der Ausstellung „Produced by Migros“ hängt ein unscheinbares Schwarz-Weiß-Porträt von Gottlieb Duttweiler (1888-1962). Dem Gründer des genossenschaftlich organisierten Migros-Konzerns - das größte Einzelhandels-Unternehmen der Schweiz - ist eine umfangreiche, in den Statuten festgeschriebene Förderung von Bildung und Kultur zu verdanken. Der Löwenanteil der 0,8 Prozent des Gesamtumsatzes im „Detailhandel“ (120 Mio. Schweizer Franken, 101 Mio. Euro) fließt in die Erwachsenenbildung.

Aus diesem „Kulturprozent“ speist sich aber auch das migros museum für gegenwartskunst, das seit 1996 in einem ehemaligen Brauereigebäude in Zürich untergebracht ist. Sein Gründungsdirektor Rein Wolfs ist seit 2008 Leiter der Kunsthalle Fridericianum. Er hat die Zürcher Sammlung ebenso geprägt wie seine Nachfolgerin Heike Munder (seit 2001). War die zuerst auf lokale und nationale Malerei ausgerichtete Sammlung schon Mitte der 70er-Jahre professionalisiert und auf internationale zeitgenössische Kunst ausgerichtet worden (mit Werken von Richter, Baselitz oder Penck), wurde nun der Fokus auf installative und oft raumgreifende Arbeiten ausgedehnt. Sie sind - wie Christoph Büchels Kühlzelle - konservatorisch und logistisch nicht immer leicht handzuhaben. Weil das Zürcher Museum eineinhalb Jahre lang umgebaut wird, besteht Gelegenheit zum Kasseler „Gastspiel“. (vbs)

Die Bilder unserer Realität

Gardar Eide Einarsson zeigt eine Collage zu Macht, Kontrolle und Rebellion

Von Mark-Christian von Busse

Kassel. Wer diese Ausstellung betritt, ist immer im Visier. Gardar Eide Einarsson hat überall Bilder von Polizisten platziert, die sich verstecken - hinter Hydranten, Briefkästen und Laternenmasten. Die Abbildungen sind einem US-amerikanischen Polizei-Diensthandbuch entnommen.

Der 35-jährige Norweger verwendet Texte, Bilder und Symbole, denen er durch Verfremdung oder Vergrößerung besondere Bedeutung verleiht. Es geht ihm bei seiner Malerei, seinen Installationen und Objekten immer um Abbilder von Bildern: Bilder, die sich Institutionen machen, Medien, Menschen. Sein Thema ist der Duft der Macht, wie sich der Ausstellungstitel „Power has a Fragrance“ übersetzen lässt: Autorität, Kontrolle, Rebellion, Entfremdung, Paranoia. Und das im globalen Maßstab.

Im Fridericianum, der vierten Station nach Oslo, Reykjavik und Stockholm, hat Einarsson eine eindrucksvolle, ganz in Schwarz-Weiß gehaltene Collage all der Fragmente und Details angeordnet, die er Comics ebenso entnommen hat wie Filmen, Büchern oder einem Notizzettel, den ein Polizeischüler in einem Ausbildungshandbuch vergessen hat.

Dankenswerterweise gibt eine Broschüre Auskunft über die Quellen: das Foto eines mexikanischen Drogendealers, Kegel, die den Verkehr in Tokio regeln, US-amerikanische Gefängnismöbel, ein Banner von einer Demonstration während der „Great Depression“, der Wirtschaftskrise in den USA, die Neonleuchtzeichen „Caligula“ von einem Stripclub in Mexiko-Stadt, die wiederum an den römischen Kaiser erinnern, einen ausschweifend lebenden Despoten, der Schurke aus dem Comic „The Fantastic Four“ .... Die Liste ließe sich fortsetzen.

Zwei Arbeiten seien besonders erwähnt: der Nachbau einer Barrikade von den Massenprotesten in Bangkok 2010 - Autoreifen, die von Bambusstöcken (hier aus Harz gegossen) stabilisiert werden. Und die farbig leuchtende, sich in der Rotunde drehende Skulptur „Jesus saves“. Nachbau einer Werbung, auf die im Clint-Eastwood-Film „Dirty Harry“ gezielt wird: als manifestiere sich hier das Böse.

Zur Person

Gardar Eide Einarsson, 1976 in Oslo geboren, studierte in Bergen, an der Städelschule Frankfurt und war Stipendiat am Whitney Museum of American Art. Einarsson hat an den Biennalen Istanbul und Sydney wie Ausstellungen im Museum Witte de With Rotterdam, im P.S. 1 New York und im Louisiana Museum im dänischen Humlebaek teilgenommen. Einzelausstellungen im Frankfurter Kunstverein, Fort Worth, Texas, und Bergen. Er lebt in New York und Tokio.

Beide Ausstellungen laufen bis 11. September. Mi-So 11-18 Uhr. Eintritt 5 (3) Euro. Mittwochs frei. Infos: Tel. 0561/7072720, www.fridericianum-kassel.de. Jeden Sonntag findet um 15 Uhr eine Führung statt. Ausstellungsgespräch jeden zweiten Mittwoch, 15 Uhr. Am 6.7.: „Was soll das - ein tiefgefrorenes Konzert?“

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