Annemarie Burckhardt war Mitbegründerin einer Wissenschaft: Nun starb sie mit 82

Die Kunst des Spaziergangs

Skandal zur documenta IX: Annemarie Burckhardt 1992 mit ihrem gestickten Katalogkissen sowie dem Verleger und Galeristen Martin Schmitz. Foto: Schellberg/nh

Kassel. Als 1992 die documenta IX begann, lag ihr Skandal schon zwei Jahre zurück. Als Antwort auf die immer dicker werdenden Begleitbücher zu Ausstellungen hatte die Künstlerin Annemarie Burckhardt für die Kasseler Kunstschau einen Kissenkatalog gestickt. „Das documenta-Kissen zeugt von Kunstinteresse, ist leicht und muss nicht noch gelesen werden“, schrieb HNA-Redakteur Dirk Schwarze damals über die humorvolle „Allzweckkunstwaffe“.

Nur die documenta-Leitung verstand keinen Spaß und versuchte mit allen juristischen Mitteln, das Kissen zu stoppen – vergeblich. Sogar die internationale Presse lachte über die documenta.

Am Sonntag ist Annemarie Burckhardt mit 82 Jahren in Basel gestorben. In Kassel war die Schweizerin nicht nur wegen des documenta-Kissens bekannt, sondern vor allem als Frau des Uni-Professors Lucius Burckhardt (1925-2003). Der aus Davos stammende Soziologe begründete in Kassel die Spaziergangswissenschaften (Promenadologie). Was für Außenstehende wie ein Witz klang, war der ernst gemeinte Zusammenschluss von Soziologie und Geografie. Erst beim Spaziergang lassen sich Räume in Stadt und Natur verstehen, um sie lebenswerter zu gestalten.

Lucius Burckhardt entwickelte die neue Disziplin gemeinsam mit seiner Frau, und obwohl sie keinen Lehrauftrag hatte, vertrat sie ihn auch schon mal in den Sprechstunden. „Sie hatte eine ungeheure Herzlichkeit und viel Humor“, sagt Martin Schmitz, der unter Burckhardt in Kassel studierte und heute als Verleger in Berlin arbeitet. Und immer wieder mischte sich das kinderlose Paar, das bereits 1955 zusammengefunden hatte, in die Stadtpolitik ein - etwa mit der documenta urbana und der Kritik an der Bundesgartenschau 1981.

Nach einem Vierteljahrhundert verließen beide Kassel und zogen in Annemarie Burckhardts Heimatstadt Basel, wo sie für die Grünen im Großen Rat der Stadt saß. Um die Aufarbeitung des wissenschaftlichen Erbes kümmert sich seit zwei Jahren eine Stiftung. So wird auch das documenta-Kissen nicht in Vergessenheit geraten.

Von Matthias Lohr

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