Kunst-Star träumt von Diktatur: Jonathan Meese provoziert in der Uni

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Hielt eine Propaganda-Rede und ließ sich in kein Gespräch verwickeln: Jonathan Meese am Montag in Kassel.

Kassel. Der deutsche Künstler Jonathan Meese (42) ist seit 15 Jahren eine Marke der Kunstszene. Am Montagabend irritierte er die 300 Gäste im vollgestopften Saal des Zentrums für umweltbewusstes Bauen der Uni Kassel mit einer wahnwitzigen Selbstinszenierung als „Diener der Kunst“.

Er provozierte mit Hitler-Vergleichen, Fäkalsprache und Nonsens.

Tage und Stunden vor dem Gespräch mit den „Spiegel“-Redakteurinnen Ulrike Knöfel und Marianne Wellershoff hatte Jonathan Meese mehrere mehrseitige Manifeste auf Papier gekritzelt. Darin fordert er die „Diktatur der Kunst“ sowie die Abschaffung von Religionssucht und Esoterikwahn, Ich-Versautheit und Selbstverwirklichung, Demokratie und Realitätsfanatismus.

„Es gibt doch gar kein rechts- und linkspolitisch!“, proklamierte der Künstler. „Unsere Politiker sind doch nur mickrige Abziehbilder von Adolf Hitler.“ Dadurch, dass in Deutschland nach 1945 wieder Menschenmacht und Ideologie installiert worden sei, habe sich das Land dem Untergang geweiht.

Jonathan Meese hat eine Zukunftsvision. Er träumt davon, in seinem Hauptquartier in Berlin zu sitzen, Befehle der Kunst entgegenzunehmen und aus immer neuen Städten gemeldet zu bekommen, dass diese jetzt vollständig ideologiefrei sind. Denn: „Ideologen sind Verbrecher.“

„Gott, Gefühle, Seele, das ist doch alles spekulativ!“ Jonathan Meese hasst Menschen, die sich selbst suchen. Er hasst unsachliche Menschen. Seine 82-jährige Mutter mag er dagegen immer lieber. „Sie wird immer präziser“, sagt er. „Setz dich! Iss! Doris ist da!“ Mehr Informationen seien doch nur Zeitverschwendung.

Die „Spiegel“-Redakteurinnen akzeptierten mit charmantem Gleichmut, dass mit dem Künstler im Propaganda-Wahn an diesem Tag kein Gespräch anzufangen war. Dass Meese seine Stimme kurz senkte und unter seiner Sonnenbrille hervorschaute, gelang nur Gästen aus dem Publikum. Einer konnte den Künstler mit der Frage fesseln, ob denn die Atombombe nicht radikaler sei als Hitler. Ein anderer brachte Meese zum Schmunzeln, weil er ihn auf seinen Bauchansatz ansprach und die Freiheit des Körpers forderte, was dem Künstler allerdings zu individuell war.

Den Schlusspunkt der eineinhalbstündigen Veranstaltung setzte ein junger Kunststudent, der mit den Worten „Das Spiel ist aus“ die Wassergläser der „Spiegel“-Redakteurinnen und Meeses Cola-Fläschchen klirrend vom Glastisch fegte und dann beruhigt werden konnte. Meese kommentierte: „Das ist wenigstens einer, der noch etwas will.“

Von Valerie Schmidt

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