Kunst-Star Ai Weiwei schockiert als lebende Leiche in Bad Ems

Der einflussreichste Künstler am Boden: He Xiangyu hat Ai Weiwei aus Fiberglas und Latex nachgebildet - zu sehen noch bis 1. November im Schloss Balmoral in Bad Ems. Foto: nh

Bad Ems. Zeitgenössische Kunst soll irritieren, verstören, beunruhigen. Im beschaulichen Kurort Bad Ems ist das auf unerwartete Weise geglückt. Reihenweise riefen Passanten dort Polizei und Rettungswagen: In einem leerstehenden Laden nahe der Kurpromenade an der Lahn liege eine Leiche.

Tatsächlich handelt es sich um die realistische Darstellung des Künstlers Ai Weiwei. Der Star der Kasseler documenta 12 liegt da, nachgebildet aus Fiberglas und Latex und mit echtem menschlichen Haar, als sei er gestürzt, den Kopf nach unten, die Augen geschlossen. Er trägt einen dunkelblauen Anzug, wie ihn chinesische Politiker anhaben. Der Titel „Der Tod des Marat“ verweist auf ein berühmtes Gemälde von Jacques-Louis David aus der Zeit der französischen Revolution.

Geschaffen hat die Skulptur der 1986 in der Provinz Liaoning im Nordosten Chinas geborene He Xiangyu. Der Absolvent eines Malereistudiums in der Provinzhauptstadt Shenyang zählt zu einer Künstlergeneration, die sich ohne materielle Einschränkungen oder bedrohliche politische Kurswechsel entwickeln kann. Dennoch versteht He Xiangyu seine Arbeit als eine Referenz für den älteren, wegen seiner Regimekritik inhaftierten Ai Weiwei. Der 26-Jährige stellt ihn als Kämpfer für Gerechtigkeit dar, nutzt aber, fern von Heldenverehrung, einen ironischen Humor.

Der „Laden Nº 5“, in dem die Ai-Weiwei-Kopie bis 1. November zu sehen ist, ist ein Ausstellungsraum des Künstlerhauses Schloss Balmoral, in dem die Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur internationale Künstler fördert. Ausgewählt hat ihn Andreas Schmid, der in Dresden lehrt und ein Kenner chinesischer Gegenwartskunst ist.

Landschaftsbilder aus Cola

Dass He Xiangyu der so genannten „zweiten reichen Generation“ in China angehört, für die hohe Kosten für Material und Arbeit kein Problem darstellt, zeigt ein Großprojekt, mit dem der 26-Jährige international für Furore sorgte. Er ließ Wanderarbeiter 100 Tonnen Coca-Cola zu einer zähen, lavaartigen Masse verkochen und hart werden. Daraus entstanden Raumlandschaften und kleinere Skulpturen. Mit der flüssigen Cola malte er zudem im Verbund mit Tusche klassische chinesische Landschaftsbilder. Foto: Auel

www.balmoral.de

Von Mark-Christian von Busse

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