„Die Avantgarden im Kampf“: Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt das Jahr 1914 im Fokus von Malern und Zeichnern

Als die Kunst in den Weltkrieg zog

Ernst Ludwig Kirchner, „Selbstbildnis als Soldat“ (1915). Fotos: Bundeskunsthalle 

Bonn. George Grosz forderte „Brutalität! Klarheit, die wehtut!“, während Ernst Ludwig Kirchner notierte: „Ich bin innerlich zerrissen und geimpft nach allen Seiten, aber ich kämpfe, auch das in Kunst auszudrücken.“ Radikale Thesen. Wie kam es dazu? Auf welche Erfahrungen blickten die Künstler zurück?

Es waren die Geschehnisse im Ersten Weltkrieg, die Grosz und Kirchner seelisch so verletzten, dass sie Hilfe in Sanatorien suchen mussten. Nach dem Krieg hatte sich ihre Sicht auf die Kunst geändert. Das illustriert die Ausstellung „1914. Die Avantgarden im Kampf“, die die Bundeskunsthalle in Bonn zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des 1. Weltkriegs zeigt. 300 Werke - Malerei, Plastiken und dokumentarische Fotos - untersuchen die Bedeutung der Kriegserfahrungen für die Kunstproduktion.

Dabei hatte das Jahrhundert für die Kunst bahnbrechend begonnen. Grenzüberschreitend wurde kubistisch gearbeitet. Man wagte erste Schritte in die Abstraktion, der „Blaue Reiter“ schwelgte im Rausch der Farben. Werke von Delaunay, Léger, Picasso, von Marc, Münter, Kupka unterstreichen dies.

Dass viele Künstler dann doch freiwillig in den Krieg gegen ihre Freunde zogen, das kann auch diese Schau nur feststellen und nicht abschließend erklären. An die Sinnhaftigkeit des Krieges glaubten nicht wenige. Futurist Gino Severini feierte den Krieg. Für ihn war er Garant des technischen Fortschritts. Franz Marc war sich sicher, dass der Gewaltausbruch „Europa reinigen“ werde. 1916 war er tot.

„Kriege scheinen nötig zu sein“, glaubte auch Max Liebermann, „um den im Frieden wuchernden Materialismus einzudämmen.“ Folglich setzte er die plumpen Parolen des Kaisers in Zeichnungen um. „Jetzt wollen wir sie dreschen“ zeigt einen das Schwert schwingenden Pickelhauben-Reiter.

Aufseiten der Gegner zeichnete Raoul Dufy harmlose Szenen, deren Titel wie „Schießen Sie als Erste, meine Herren Franzosen!“ ihr propagandistisches Potenzial verraten.

Während des Krieges haben dann immer mehr Künstler versucht, das Grauen in Bilder zu fassen. Frans Masereels Holzschnitte etwa sind drastische Anklagen.

Tod und Leid allenthalben - bei Otto Dix, Erich Heckel und Hans Richter, Natalja Gontscharowa und Ossip Zadkine. In Max Slevogts „Finale“ (1917) ist die Welt ein Friedhof, an dem ein Kriegsversehrter vorbeihumpelt. Das Martyrium in mehreren Schritten hat Max Beckmann festgehalten - von der „Kriegserklärung“ bis zum „Leichenschauhaus“. Fast alle diese Arbeiten sind schwarz-weiß.

Nach dem Krieg konnte nichts mehr so sein wie zuvor, dies deutete sich schon 1915 in Zürich an. Die Dada-Bewegung erklomm die Bühne und protestierte laut gegen den Krieg und auch sonst fast alles. In Kirchners „Tischgesellschaft im Sanatorium“ und „Aufruhr“ von Grosz scheint hinter den krakeligen Strichen die Verstörung auf. Unterdessen ebneten Marcel Duchamp mit seinen Ready-mades und Früh-Surrealist Carlo Carrà radikal Neuem den Weg.

Es sind die vielen kaum bekannten Werke, die Kurator Uwe M. Schneede zusammengetragen hat, die diese Schau, die ohne neue, schneidende These auskommt, sehenswert machen.

Bis 23. Februar, Bundeskunsthalle Bonn, Katalog: 39 Euro, www.bundeskunsthalle.de

Von Ulrich Traub

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